Foto: Wolfgang Schiele

Manche Menschen kommen mit der Bewältigung von Stress und dem Überwinden seelischer Tiefschläge besser zurecht als andere. Mit der Erforschung der Ursachen befasst sich seit einigen Jahrzehnten bereits die Resilienzforschung. Aber was ist überhaupt Resilienz? Nach R. Kalisch ist „Resilienz die Aufrechterhaltung oder schnelle Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach Widrigkeiten.“ Doch welche Haltungen zum Leben müssen vorhanden sein, um resilient auf missliche Veränderungen reagieren zu können?

Resilienz ist meiner Ansicht nach eine individuelle Verhaltensoption sich selbst und anderen Menschen gegenüber. Sie vereint verschiedene Einstellungen und Haltungen zur Umwelt und zum Leben an sich. Wichtige Parameter, zwischen denen sich entscheidet, ob unser Verhalten resilienzsteigernd ist oder auch nicht, sind die Selbstwahrnehmung und die Selbststeuerung. Je nach deren Ausprägungen erleben wir Inkohärenz, Ambivalenz, Resistenz oder Resilienz.

Grafik: Wolfgang Schiele (in Anlehnung an eine Idee von Petra Lewe)

RESISTENZ
Ist die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung eher gering, aber der Grad der Selbststeuerung eher hoch, dann wollen wir auch gegen die Widrigkeiten und Barrieren, z. B. des eigenen Körpers, unser Ziel mit Macht, mittels Härte, durchsetzen. Wir achten nicht auf die Signale des Körpers, die uns mögliche Symptome einer gesundheitlichen Störung melden, sondern ebnen uns unseren Weg gegen alle Hemmnisse. Oder wir stehen starr und stur wie der Fels in der Brandung, der sich resistent allen Widerständen entgegenstellt. Allgemein ausgedrückt klingt das im Alltag und Beruf wie: „Ich kenne zwar die Risiken, aber ich erfülle konsequent die gestellten Aufgaben. Mich haut nichts um.“

AMBIVALENZ
Sie die Kompetenzen für die Steuerung des eigenen Selbst geringer ausgeprägt, dafür jedoch die Antennen der Eigenwahrnehmung besser entwickelt, dann befinden wir uns in einer ambivalenten Situation. Unsere Entscheidungsfähigkeit ist eingeschränkt und unsere Wahrnehmungen widersprechen sich. Unser sinnliches Erleben im Innen und im Außen sendet zwiespältige Signale aus und wir kommen nicht wirklich zu einem Entschluss. Wir wirken wie hypnotisiert und handeln – wenn überhaupt – nur zögerlich, kraftlos und unwahrhaftig. Im Arbeitskontext könnte man es so formulieren: „Ich befinde mich in einer Zwickmühle und kann mich nicht wirklich entscheiden.“

INKOHÄRENZ
Wenn sich im Fadenkreuz von Selbststeuerung und Selbstwahrnehmung niedrige Werte einstellen, dann fehlen sowohl die kognitive Überzeugung als auch der emotionale Antrieb für lösungsorientiertes Handeln. Was Petra Lewe ursprünglich als „entgleist“ betrachtet, ist für mich inkohärent, also zusammenhanglos und verworren. Uns fehlt ein Modell, um die Situation zu bewerten und die Sicherheit, um zielgerichtet zu handeln. Oder anders ausgedrückt: „Augen zu und durch – passiere, was da wolle.“

RESILIENZ
Am besten kommen Menschen durch die Untiefen und Widrigkeiten des Lebens, wenn die Wahrnehmungssensoren nach innen und außen fein justiert sind und unterschiedliche Ressourcen und Kompetenzen genau in den Belastungsmomenten und Krisensituationen zur Verfügung stehen. Als Beobachter des eigenen Ich und der Umwelt sowie als verantwortliche Entscheider über unsere Wahlmöglichkeiten können wir unser Verhalten schnell an die sich verändernden Bedingungen anpassen und unser psychisches Gleichgewicht in angemessener Zeit wiederherstellen. Resistentes Handeln ist zugleich energiesparend als auch zielorientiert. Oder in alltagstauglicher Form: „Ich beobachte bewusst mich und meine Umwelt und reagiere flexibel und zielorientiert auf Veränderungen.“

Grafik: Wolfgang Schiele

Viele wissenschaftliche Untersuchungen sind in unserer VUKA-Zeit ausgerichtet auf die Suche nach Metaskills – auf die Recherche nach Fähigkeiten, die Mitarbeiter, Führungskräfte und Organisationen befähigen, um im aktuellen weltweiten Transformationsprozess bestehen zu können. Die RESILIENZ ist eine ganz entscheidende Metakompetenz dafür.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de