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In der Sinnforschung – u. a. an der Uni Innsbruck durch Prof. Tatjana Schnell – wird seit längerer Zeit akademisch darüber nachgedacht, welche Lebensbereiche, Motivatoren und Kompetenzen als Sinnquellen für uns Menschen bedeutsam sein könnten. Vor gut zehn Jahren hatte man die wichtigsten zusammengetragen: Insgesamt 26 „Lebensbedeutungen“, die je nach Intensität und Präsenz sinnstiftend oder sinnneutral sind. Anders gesagt: „Was gibt meinem Leben einen Sinn?“ oder: „Was macht mich trotzdem glücklich?“ Ich will versuchen, die einzelnen Bedeutungen auf die reife, vor dem (oder auch schon im) Ruhestand stehende Generation der Babyboomer zu adaptieren …

Grafik: Wolfgang Schiele

Schauen wir uns zuerst die Lebensbedeutungen an, die unsere Selbstverwirklichung ausmachen. Die SELBSTVERWIRKLICHUNG ist die persönliche (späte) Erreichung unserer Wünsche, Sehnsüchte und Ziele unter Einsatz verschiedener Kompetenzen und Fähigkeiten, die der reife Erwachsene im Laufe seines Lebens erworben hat. In der bekannten Pyramide von Maslow steht dieser Wert an der Spitze. Das bedeutet symbolhaft, dass die wahre Selbstverwirklichung regelmäßig erst in der dritten Lebensphase, sozusagen am Gipfelpunkt des Lebens, erreicht wird. In dem er sich seiner Potenziale bewusst wird und seine Ressourcen nutzt, gestaltet der angehende Senior und (Un-)Ruheständler seine zukünftige „Späte Freiheit“. Für die Selbstverwirklichung spielen die Lebensbedeutungen Herausforderung, Individualismus, Macht, Leistung, Freiheit, Wissen, Kreativität und Entwicklung eine besondere Rolle.

* Beginnen wir mit der Herausforderung. Damit ist regelmäßig die Suche nach Neuem, nach Abwechslung gemeint. Und die ist dringend geboten für Menschen, die sich vor oder im Übergang zwischen Beruf und Ruhestand befinden. Denn die bisherigen, von den Restriktionen der Berufszeit vorgegebenen Lebensstrukturen fallen regelmäßig weg. Und zwar von heute auf morgen! Für Menschen, die es gewohnt waren, von Dritten Aufgaben zur Erledigung zu erhalten, beginnt die Zeit der Selbstbeauftragung. Plötzlich müssen wir selbst aktiv werden, sind Mitarbeiter und Chef unseres eigenen „Unternehmens Ruhestand“ zugleich! An uns ist es jetzt, neue zeitliche und inhaltliche Strukturen im Alltag, in unserer grenzenlosen Freiheit und Freizeit, zu erschaffen! Das Neue kommt nicht automatisch zu uns – wir müssen selbst das Heft des Handelns ergreifen! Und das ist für viele eine nicht zu unterschätzende Herausforderung – vielleicht die größte unseres Lebens! Wer sich ihr stellt, ist auf einem guten Wege zur Sinnfindung in der dritten Lebensphase.

* Die Sinnforschung versteht unter Individualismus die persönlichen Eigenarten und das Ausleben von erworbenen Potenzialen. Oder anders ausgedrückt: das Gedanken- und Wertesystem eines Menschen, seine individuelle Geisteshaltung zu sich und der Welt. Mit dem Übergang in den Ruhestand verändert sich schon aus objektiver Sicht die äußere Wertewelt: die Bedeutung des Berufes als Quelle des Gelderwerbs, zur Versorgung der Familie oder zum Aufbau von Sicherheiten entfällt. Dafür nimmt z. B. die Kinder- und Enkelgeneration nun einen herausragenden Platz ein oder das Interesse an bisher vernachlässigten Hobbies tritt in den Vordergrund. Für den werdenden Rentner wird nach innen hin das Bedürfnis zum Erhalt der Gesundheit größer, die bisherige „Ich-Ferne“ weicht einer intensiveren Beziehung zu sich selbst. Und das Leben wird vielleicht weniger vorwärts gelebt als rückwärts reflektiert. Es beginnt die Lebensphase des Individualismus, weil wir nun im Ruhestand darin frei sind, ohne Zwänge all das zu tun, was uns wirklich und wahrhaftig ausmacht, ohne anderen dafür Rechenschaft ablegen zu müssen (na ja, vielleicht dem Partner …). Wir verfügen über weit mehr Freiheitsgrade im Tun, als uns jemals zur Verfügung standen. Vielleicht ist genau dieser Satz passend: „Mit zunehmendem Alter werde ich so, wie ich bin.“ Weil ich das darf, weil ich es mir wert bin, weil ich es mir verdient habe!

* Macht ist die psychische und physische Ausübung von Handlungsoptionen. Wenn wir im Berufsleben aufgrund unserer sozialen Stellung über administrative, direktionale oder wirtschaftliche Macht verfügten, vielleicht auch psychologisch Druck auf Personen ausüben und mental Einfluss auf bestimmte Entscheidungen nehmen konnten – was für eine Sinnbedeutung hat sie im Ruhestand für uns? – Es gibt viele frühere Führungskräfte, die ihre bisherige Funktion in der familiären Welt weiterleben, weil sie diese Rolle nicht ablegen wollen oder können. Das führt zu Machtverschiebungen oder gar Machtverwerfungen in einer Partnerschaft nach dem Berufsaustritt. Ein guter Ansatz wäre eine Art Machttransformation: Frühere Führungskompetenzen, z. B. als Manager, zu nutzen im Ehrenamt eines Vereins oder erlernte Menschenkenntnis im Personalwesen anzuwenden als Schöffe bei Gericht. Bringt der Partner seine Dominanz, seinen Anspruch auf Entscheidungsprivilegien und Deutungshoheiten mit in das häusliche Zusammenleben, dann sollten klare Grenzen gezogen werden, wer wofür zuständig ist, wer welche Verantwortungen übernimmt und wer welche Freiräume nutzt. Die abgestimmte Aufteilung der Machtbefugnisse innerhalb einer Ruhestandspartnerschaft auf bestimmte Lebensbereiche ist zweckorientiert und gestattet eine freiere und sinnvollere Gestaltung der dritten Lebensphase.

* Im Alter müssen wir nicht mehr wirklich etwas leisten – so zumindest eine landläufige Auffassung. Wir haben ja schon geliefert im Erwerbsleben. Doch viele Menschen wollen nicht einfach zum alten Eisen gehören, sie wollen noch etwas für die Gesellschaft tun, etwas Nützliches leisten, damit sie sich nicht überflüssig und ausgeschlossen fühlen oder minderwertig vorkommen. Leistungserbringung hängt mit Kompetenzen zusammen – im Laufe eines langen (Arbeits-)Lebens haben wir alle ein vielfältige und umfassende Anzahl davon eingesammelt. Und das möchten viele der Ruheständler auch weiterhin nach außen tragen – soweit es ihre Gesundheit erlaubt. Wenn wir über Leistung im Berufsalltag reden, dann erwarten wir für deren Erbringung eine bestimmte Art der Anerkennung: Lohn, Lob oder andere Gegenleistungen. Am sinnvollsten wäre es daher für die Ruheständler, wenn sie eine Tätigkeit für sich fänden, die ihnen einen vergleichbaren Respekt und eine entsprechende Wertschätzung, wie vorher im angestammten Beruf, entgegenbringen würde. Lange leistungsfähig zu sein ist eine gute Voraussetzung dafür, das Dasein als sinnvoll und erfüllend zu erleben. Alter(n)sgerechte lebenslange Leistung kann einen großen Anteil am Sinn des Lebens haben.

* Die Freiheit erlangt im Ruhestand eine ganz neue, weiter gefasste Bedeutung. Alle Vorgaben, Pflichten und Gebote, die uns im Arbeitsleben eingeschränkt haben, entfallen sofort und ersatzlos. Wir haben die Freiheit, unseren Gefühlen zu folgen und unsere Ratio, die Vernunft ein Stück weit abzulegen. Wir müssen niemandem mehr begründen, warum wir was tun. Wir benötigen keine Freigabe zum Handeln durch Dritte. Wir sind frei von Verantwortung für das Eigentum anderer, müssen nicht mehr betriebswirtschaftlich denken und können unseren Gedanken und Ideen freien Lauf lassen. Von nun an können ausschließlich wir darüber bestimmen, was wir tun und unterlassen wollen. In keiner der vorangegangenen Lebensphasen haben wir über eine derartige Menge an Freiheitsgraden zur Selbstgestaltung unserer Existenz verfügt. Allerdings: Die „grenzenlose“ Freiheit kann auch zur Belastung werden. Die neue Ungebundenheit nimmt uns gleichzeitig in die Pflicht. Noch nie in unserem Leben waren wir derart intensiv verantwortlich für uns selbst: für unsere Zukunft, unsere Gesundheit und unser Glück. Und natürlich für den Sinn im Leben, den wir bei unserer Geburt nicht mitbekommen haben, sondern selbst finden müssen …

* Wissen mussten wir uns seit der Einschulung als Kinder im Leben immer nach Lehrplänen, Curricula und Ausbildungsvorgaben aneignen. Es gab wenig Spielraum an frei wählbarem Lernstoff. Viele – so auch ich – hätten gern anderes gelernt und auf Wissen verzichtet, das sich im Nachhinein unpraktisch und überflüssig anfühlte. Nun, als reife Erwachsene, bereits mit einem umfangreichen Lebenswissen ausgestattet, haben wir zum ersten mal die Chance, genau das Wissen zu erwerben, das wir wollen. Mit dem Ruhestand ist die Zeit gekommen, in der wir das lernen dürfen, was wir bisher nicht durften, früher vielleicht missachteten oder gar nicht wussten, dass es das gibt. Jetzt haben wir die einzigartige Möglichkeit, den großen Lebensplan zu hinterfragen, das „Big Picture“ zu verstehen und die kausalen Abhängigkeiten unserer eigenen Entwicklung zu reflektieren. Manche Menschen erkennen erst jetzt die Sinnzusammenhänge und die Schönheiten, die sich hinter dem Wissen verbergen. Und das Schönste beim Aneignen von Wissen im Alter ist: Man ist in der Interpretation des Gelernten frei, braucht keine Prüfungen mehr abzulegen und darf sich sein eigenes Weltbild zusammensetzen.

* Sage mir niemand, dass man im Alter nicht mehr kreativ sein kann! Die meisten Gelehrten haben den Nobelpreis erst zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr erhalten. Die Nobelpreise für Geisteswissenschaften gehen regelmäßig an Menschen weit über 60. John B. Goodenough, der älteste der Preisträger, wurde erst im Alter von 97 Jahren der Chemie-Nobelpreis zuerkannt. Und nicht zu vergessen: Für Kreativität benötigt man auch Muße und Zeit. Und die steht uns in weit größerem Maße im Ruhestand als vorher in einem Beschäftigungsverhältnis zur Verfügung. Fantasie und schöpferische Leistungsfähigkeit können sich meist erst dann richtig entfalten, wenn sie unabhängig werden von materiellen Sorgen und nicht mehr in ein Korsett äußerer Abhängigkeiten eingezwängt sind. Vielen Menschen verleiht die Freiheit, wahrhaft kreativ sein zu dürfen, einen nicht zu unterschätzenden Lebenssinn.

* Psychologen sind sich einig: Zu den wichtigsten Motivatoren und Werten im Leben gehört nach der Zugehörigkeit zu und der Bindung an andere Menschen und Gruppen auch das persönliche Wachstum. Ganz besonders das innere, von materiellen Gütern weitgehend unabhängige Wachstum, nimmt mit zunehmendem Alter eine immer größere Rolle ein. Wir möchten nicht dort stehenbleiben, wo wir uns mit dem gewollten oder ungewollten Ausstieg aus dem Berufsleben befanden. Wir möchten ideell weiter wachsen, wir möchten uns weiterentwickeln. Die persönliche Entwicklung ist erst dann wirklich zu Ende, wenn uns Gebrechen und Leiden, Krankheiten und psychische Störungen ersnthaft an unserer Selbstverwirklichung hindern. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die individuelle (Weiter-)Entwicklung eine sinngebende und erfüllende Komponente in unserem Leben.

Neben diesen acht Lebensbedeutungen gibt es noch weitere 18, die den Gruppen der vertikalen und horizontalen SELBSTTRANSZENDENZ der ORDNUNG und dem WIR- und WOHLGEFÜHL zugeordnet werden können. Über ihre möglichen Wirkungen und Bedeutungen im Alter werde ich meine Gedanken in den nächsten zwei Folgen niederschreiben.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de