Die Resilienzforschung kennt verschiedene Ansätze zu den Säulen und Einstellungen, die den Menschen gegen die verschiedenen Wechselfälle des Lebens, gegen Stress und Transformationsängste psychologisch widerstandsfähiger machen können. Mein Favorit ist auf der vorangehenden Abbildung zu sehen: sieben Resilienzfaktoren und drei lebensbedeutsame Grundeinstellungen. Gestartet bin ich mit der Akzeptanz: https://wp.me/p7Pnay-2Ta.

Fortsetzen möchte ich mit der zweiten Säule: der Eigenverantwortung.

Wie viel Eigenverantwortung haben wir im Job getragen? Mit wie vielen Dingen wurden wir durch Dritte beauftragt? In welchen beruflichen Situationen hatten wir freie Hand und wo mussten wir uns strikt an Vorschriften, Verbote und Normen halten? Vieles war einfacher, wenn man es nicht selbst verantworten musste, sondern andere. Dann fühlte man sich weniger in die Pflicht genommen, Dinge überlegter, sorgfältiger und gewissenhafter zu machen. Nichts musste man selbst planen und verantworten, fast alles war reglementiert und bestimmungsgemäß.

Für die Berufszeit gab es Handlungsvereinbarungen, in denen Aufgaben, Zuständigkeiten, Befugnisse und Kompetenzen genau beschrieben waren. Für´s Leben, und schon gar nicht für den Ruhestand, gibt es jedoch keine Stellenbeschreibung. Wir müssen unser „Pflichtenheft“ selbst schreiben! Denn da draußen, in der großen neuen Welt des Rentnerdaseins, wartet niemand auf uns. Und wenn die meisten von uns keine Unternehmer waren – dann werden wir es jetzt! Wir müssen selbst aktiv werden, etwas unternehmen. Wir sind nämlich plötzlich sowohl Mitarbeiter als auch Vorgesetzte unseres eigenen „Unternehmens Ruhestand“! Ab dem Moment des Eintritts in den Ruhestand sind wir rund um die Uhr für uns selbst verantwortlich. Unsere Aufgaben müssen wir selbst definieren. Wir müssen aber auch die Umsetzung in die eigene Hand nehmen. Und auch die Überprüfung der täglichen Lebensergebnisse übernimmt kein anderer als: wir selbst! Wir sind nun für all das, was wir tun, aber auch für das, was wir unterlassen, selbst verantwortlich. Und gelegentlich auch rechenschaftspflichtig. Das ist schon eine neue und große Herausforderung, die die große Freiheit Ruhestand an uns stellt.

Alfred Längle, ein enger Wegbegleiter des Logotherapeuten und Existenzanalytikers Viktor Frankl, sagte zum Thema Verantwortung: „Statt den eigenen Orientierungssinn zu schärfen, ist es immer wieder verlockend, der Freiheit auszuweichen, indem man sich der Entscheidung anderer anschließt oder sich ins Beliebige flüchtet, um sich der Verantwortung möglichst rasch zu entledigen.“ Doch das ist kein guter Ratschlag für die nachberufliche Lebenszeit. Denn jetzt entscheiden nur wir allein über unser Wohlergehen und unsere Lebenszufriedenheit. Denn die hängen nicht vom Denken und Verhalten anderer Menschen ab. Wir sind reife, erwachsene, wenn nicht sogar bereits weise Menschen. Wir müssen uns nicht opportun zur Meinung anderer verhalten, Wir brauchen weder die Zustimmung Dritter für unser Handeln noch sind wir anderen gegenüber zu Begründungen über unser Verhalten verpflichtet.

Collage: Pixabay

Dante Alighieri wird folgender Satz zugeschrieben: „Der Weg zum Ziel beginnt an dem Tag, an dem du die hundertprozentige Verantwortung für dein Tun übernimmst.“ Wenn eigenverantwortliches Handeln zum gewünschten Ziel, zum erwarteten Ergebnis führt, dann fühlt man sich stolz und steigert sein Selbstwertgefühl. Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass sich Freude und Stolz auf Selbsterreichtes positiv auf unsere Immunabwehr auswirken. Das ist im Ruhestand – und ganz besonders auch in den Tagen einer weltweiten Pandemie – sehr, sehr wichtig.

Ich bin überzeugt, dass all diejenigen, die bereits im Job viel Eigenverantwortung übernommen haben oder übernehmen mussten (weil z. B. selbstständig unterwegs oder in Führungspositionen), es mit dem Start in den Ruhestand etwas leichter haben werden. Insbesondere für all die anderen ohne große berufliche Verantwortungslast, kann es von unschätzbarem Vorteil sein, sich bewusst auf die neue, weil ungewohnte Selbstverantwortung im Ruhestand vorzubereiten. Sie ist ein wichtiger Resilienzfaktor und trägt entscheidend dazu bei, dass unser Leben in der dritten Lebensphase als souverän und frei bestimmt empfunden wird.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de