Grafik: Pixabay

In diesen merkwürdigen, exemplarischen Zeiten, in denen ein Eiweißkonvolut unser Verhalten zu diktieren scheint, hat sich die Arbeitswelt radikal verändert. Das als Social Distancing bekannte Herauslösen von Menschen aus vielen Arbeitskontexten und Lebensgemeinschaften hat sie zu Telearbeitern in einer humanentfremdeten Welt gemacht. Kommunikation war und ist weitgehend nur noch über Maschinen und den Äther möglich und die Protagonisten saßen sich noch nie so weit entfernt, und dennoch so nah, gegenüber. Welch Sarkasmus der Geschichte: Die Welt ist (wieder) eine Scheibe!

„Schau mir in die Augen, Kleines!“
Ist es Ihnen als Teilnehmer an oder Veranstalter von Videokonferenzen oder Webinaren schon aufgefallen, dass sich Menschen nicht mehr gleichzeitig in die Augen sehen können, wenn die Bildübertragung läuft? Während ich in die Kamera schaue (mit etwas angehobenem Kopf) ist für den Empfänger auf der anderen Scheibenseite kein unmittelbarer Augenkontakt möglich. Umgekehrt ist das genauso. Beobachter unseres Bildes schauen nach unten und umgekehrt. Ein wichtiger Informationskanal für den Aufbau von direkter Kommunikation und Empathie geht verloren. Die entwicklungsgeschichtlich über Jahrtausende hinweg entstandene Fähigkeit zu emotionaler Sofortreaktion und zu bestätigendem (oder ablehnendem) Feedback ist uns vor dem Bildschirm entzogen.

Abstand halten – Fehlanzeige!
Und noch eine wichtige Feststellung: In einem Online-Event sind wir scheinbar alle gleich weit voneinander entfernt, de facto Gesicht an Gesicht auf einer Mattscheibe. Alle haben wir denselben Frontalstatus; unsere Konterfeis befinden sich im Zentimeterabstand zueinander. Das ist ein gewaltiger Unterschied zum realen Leben in Konferenzfräumen oder unter Seminarbedingungen! Dort reguliert sich der soziale Abstand durch den Grad des persönlichen Vertrautseins, den individuell zugewiesenen Platz im Raum, die aktuelle Gruppensituation und/oder die gestellte Übungsaufgabe. Hier, am Display, sind wir alle in gleichgeschalteter, homogener, quasi uniformierter sozialer Konformitätsposition.

Grafik: Pixabay/Alexandra Koch

Permanente visuelle Selbstkontrolle
Relativ ungewohnt ist auch die Art der Selbstreflexion vor der Scheibe. Dadurch, dass wir uns unverhältnismäßig lange selbst sehen können, lässt unsere Aufmerksamkeit für das Online-Geschehen im Guckkasten schneller nach. Denn wir beobachten uns selbst länger, intensiver und kritischer. Wir sind geneigt, uns selbst zu kontrollieren und unsere eigenen emotionalen Reaktionen zu beeinflussen. Darunter kann unsere Konzentration auf den Inhalt des Events und insbesondere die Fokussierung auf andere Teilnehmer nachhaltig leiden. Psychologen nennen dieses Syndrom „Zoom-Fatigue“ (oder auch: Vidoekonferenz-Erschöpfung).

Geheimnisvolle Unbekannte
In einer Videokonferenz bleiben einige Phänomene im Dunkeln, die in einer Präsenzveranstaltung allen offensichtlich gewesen wären. Hierbei stellen sich Fragen, wie:

* Was tut der Mitteilnehmer wirklich, mit welchen „Nebentätigkeiten“ ist er noch befasst, wie hoch ist die Verbindlichkeit seiner Teilnahme an eben diesem Event?

* Aus welchem Umfeld heraus nimmt er teil, wie stimuliert ihn seine Umgebung, was konkret können wir aus dem Miniausschnitt seiner Kamerawelt wirklich über ihn erfahren?

* Welche Menschen sind möglicherweise als „Ghost“ noch zugegen, wie singular ist die Anwesenheit des Teilnehmers? Wie viel Vertrauen und Offenheit bin ich dem bildlichen Gegenüber bereit zu schenken – im Zweifel über die mögliche Anwesenheit Dritter?

* Wie präsent bin ich für den Gegenpart? Hat er mich vielleicht optisch ausgeblendet, hat er mich akustisch schon längst abgeschaltet – und sich auch? Oder ist er sehr interessiert an mir – und ich merke das gar nicht?“

Foto: Pixabay

Neue Regeln braucht die Online-Welt
Im Grunde genommen stellt sich die Frage, wie wir auf Grund der neuen Bedingungen im Netz miteinander umgehen können und wollen. Oder anders: Wie wird der neue „Online-Knigge“ aussehen müssen, was wird einen offenen, fairen, auf Augenhöhe ablaufenden Umgang miteinander ausmachen? Wie kann trotz der Einschränkungen und Vorbehalte zwischen den Akteuren ein empathischer, reflektierender und mit unseren bisherigen sozialen Gewohnheiten zu vereinbarender Austausch gelingen?

Gefährlicher Verbrauch sozialer Ressourcen
Unsere neue Kommunikationsumgebung ähnelt einem Laboratorium, für die die Nutzungsbedingungen noch nicht endgültig geschrieben und unser Verhalten noch nicht abschließend abgestimmt ist. Die derzeitige Art und Weise der sinnlichen Signalübertragung mit erheblichen Empathieverlusten, die situative Einschränkung von sicht- und spürbaren Stimmungen und ein extrem eingeschränktes Raumgefühl … das sind alles Dinge, die zukünftig noch einer eingehenden psychologischen Untersuchung bedürfen. Neue Leitlinien im Umgang mit der Welt als kommunikative Fenster-Scheibe müssen her, denn wir zehren am gesammelten Vorrat sozialer Beziehungen, deren Menge mit der digital verbrachten Zeit nicht größer wird.


Grafik: Pixabay

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de