Foto: Wolfgang Schiele

„Es muss bedeutsam sein“ – mit diesen Worten beginnt der Trailer, der den bekannten Hirnforscher Gerald Hüther in einem Video über die vorschulische Erziehung von Kindern zeigt. Und er zielt darauf ab, dass ohne eine emotionale Komponente weder kindliches Lernen noch persönliches Wachstum im späteren Berufsleben möglich sind.

Die Nachfrage nach Bedeutung
Der Begriff Bedeutung bezeichnet u. a. die Wichtigkeit, die ein Gegenstand, ein Sachverhalt oder auch ein Mensch für sein Umfeld hat. Daraus schöpft der Mensch auch sein Sinnempfinden auf dieser Welt: von der Nachfrage nach ihm, vom Anteil seiner Arbeit an einem Gesamtergebnis, von seiner Zugehörigkeit und Stellung in einer sozialen Gruppe, von seiner Reputation und seinem Ansehen in den Augen anderer. Bedeutung – das ist der tiefere Gehalt eines Menschen, sein innerer Wert, der sich im Außen durch zielgerichtetes Tätigsein präsentiert.

Den Verlust der Selbstbedeutung kompensieren
Menschen im fortgeschrittenen Alter, die sich in ihrer dritten Lebensphase befinden, klagen oftmals darüber, dass ihnen der Sinn im Leben abhandengekommen ist. Warum ist das so? Weil sie während ihrer Berufsausübung, egal ob als Facharbeiter, Referentin, Pflege- oder Führungskraft für andere eine Bedeutung hatten. Ihre fachliche Expertise, ihre Erfahrungen und ihr Charisma waren nachgefragt. Mit dem Ausscheiden aus dem angestammten Beruf entfallen das Interesse und das Verlangen des bisherigen Umfeldes nach ihnen. An ihren Eigenschaften, Vorzügen und Eigenschaften besteht nun kein Bedarf mehr. Ja häufig werden sie nicht einmal aufgefordert, vor dem Abschied ihr gesammeltes Wissen und ihre umfassenden Erfahrungen an Nachfolger oder jüngere Generationen weiterzugeben. Die Selbstbedeutung geht verloren, die fachliche Identität und das gewachsene Selbstverständnis nähern sich einem Nullpunkt – und das meist von einem Tag auf den anderen. Wenn die Betroffenen keine Kompensation zum beruflichen Bedeutungsverlust aufbauen, wachsen die Zweifel am Sinn des Lebens.

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Eine bedeutende Freitätigkeit finden
Daher ist es so wichtig, aktiv daran zu arbeiten, bedeutsam zu bleiben oder wieder zu werden. Das klingt erst einmal ziemlich hochtrabend und überspitzt, ist jedoch essenziell für eine neue Sinnfindung in dieser Welt. Es reicht meines Erachtens nicht aus, nur passiv die Ruhestandsrolle einzunehmen. Gefragt ist eine freie, selbstgewählte, erfüllende Betätigung: eine Freitätigkeit, die in ihrer Bedeutung hinsichtlich des Umfanges und der Intensität zu vergleichbarer Resonanz führt, wie zu Berufszeiten. Die von Dritten bewusst wahrgenommen, respektiert und gewertschätzt wird. Dann klappts auch wieder mit dem Sinnerlebnis in dieser Welt – und der tiefe Fall in die Bedeutungslosigkeit mit all ihren Folgen lösst sich vermeiden.

Der bekannte deutsche Psychiater Klaus Dörner hat einmal gesagt:
„Jeder Mensch braucht seine Tagesdosis Bedeutung für andere.“
Sonst wird er seelisch krank – sage ich.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für Senioren

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