Meine Freitätigkeit als Coach und Trainer habe ich 2024 beendet. Nun bin ich als Blogger bei WP und LinkedIn aktiv. Zudem kombiniere ich als Hobbyfotograf meine Bilder mit bekannten Sinnsprüchen zu sog. Zitatografien.
Der Begriff Kipppunkt (was für ein Schriftwunder der deutschen Sprache!) ist in aller Munde (man weiß gar nicht wie man die ppp´s alle aussprechen soll …). Vor allem, wenn man von den klimatischen Umbrüchen spricht, denen die Menschheit aktuell ausgesetzt ist. Nun gibt es einen neuen Bezug zu diesem Prachtwort: zum menschlichen Körper nämlich …
Das sogenannte „Baumhoroskop“ nach keltischem Vorbild – der Erinnerungsgarten in meiner Geburtsstadt Aschersleben
Eine geliebte Freundin und Nachbarin wurde am Wochenende beigesetzt. Nun bin ich zwar ab und an auf Friedhöfen unterwegs; allerdings mag ich nicht die Trauerzeremonien, die der Grablege vorangehen. Erinnern sie doch daran, dass man selbst auch sterblich ist. – Doch hier ging es um die letzte Ehrbezeugung, die Verabschiedung auf den letzten Wegabschnitt, die Wertschätzung einer Person, die das eigene Leben nachbarschaftlich mitgeprägt hat. Da seit dem Todesfall bereits vier Wochen vergangen waren, fuhr ich bereits in einer gewissen Vortrauerstimmung zur kleinen Kapelle auf unseren Waldfriedhof, um am Ritual einer anonymen Urnenbeisetzung teilzuhaben.
Die Trauer als Emotion ist nach meinem Mentor Sebastian Mauritz die „Hüterin der Werteerinnerung“: Der Verlust erst macht uns vollständig bewusst, was wir eigentlich verloren haben. Im Alltag des Zusammenlebens war die Welt in Ordnung; Respekt und Achtung zwischen uns Nachbarn bildeten ein gewisses Grundrauschen an gegenseitiger Wertschätzung. Jetzt, wo die permanente Abwesenheit einer Person allgegenwärtig ist, stellen die mit ihrem Tod abhanden gekommenen Werte eine neue Qualität dar. Wir trauern weniger ihm, dem Menschen, sondern ihnen, den entschwundenen Werten, nach.
Namensschilder an den Säulen, die die Urnenbeisetzung personalisieren
Die Trauerfeier vollzog sich im kleinen Familienkreis; dazu waren einige enge Freunde und Bekannte eingeladen. Im Mittelpunkt stand die offizielle Trauerrede – eine Rückschau und Würdigung der Lebenszeit – die „Laudatio auf das Leben“ – sie will uns den Verstorbenen als guten, schönen und wahren Menschen hinterlassen. Recht so! Der Nachruf, eine Aufwertung der Verstorbenen, nutzt traditionell (und meist unbewusst) das Sprachmodell von Milton H. Erickson (kurz: „Milton-Modell“) mit seinen Generalisierungen, Verzerrungen und Tilgungen. Am ehesten fielen mir die Tilgungen auf: das Weglassen wichtiger Details und Zusammenhänge, das Verschweigen teilweise existenzieller Vorkommnisse. Vieles, was der Trauergemeinde bekannt war (und wohl auch wichtig erschien), wurde ausgeblendet. Bosheiten, Verletzungen und Schicksalsschläge wurden getilgt – obwohl sie zum Leben eines jeden von uns hinzugehören (… aber das möchte auf einer Trauerfeier – auch nicht im kleinsten Kreise – niemand hören. Vielleicht ist man ja selbst verstrickt in das Ereignis oder sogar dessen auslösende Ursache gewesen …). Dann folgten die Verzerrungen: Umschreibungen und vorsichtige Umwidmungen von Geschehnissen, die Entschärfung und Milderung von Lebenstatsachen. Und sogar der Versuch einer Versöhnung mit Vorkommnissen, die noch immer den überlebenden Familienclan belasten könnte … Generalisierungen kamen nur wenige vor, wohl deshalb, weil die Rede sehr persönlich gehalten war.
Beispiel für einen „Eiche-Menschen“
Soweit zu den gesprochenen Worte der Urnengrabrede. Beim sog. Totenschmaus verzichten die Anwesenden weitgehend auf die Kriterien des Milton-Modells. Die Gespräche am Tisch drehen sich um das wahre Leben im Schattenfeld der Laudatio. Dort geht es nicht mehr um die „Persona“ nach C. G. Jung, ihr Auftreten und ihre Haltung nach außen, um das äußere Erscheinungsbild. Sondern um die Wahrheit und Wahrhaftigkeit der Person, des Menschen und seines Umfeldes zu Lebzeiten. Dort wird die überschwere Truhe der familiären Fragezeichen und Heimlichtuereien ein Stück weit geöffnet. In kleinen Gruppen ergänzen und komplettieren die Trauernden (gewollt oder unbewusst) ihr vorhandenes Insiderwissen um neue Mosaiksteinchen – und das Bild der Verstorbenen wird vervollständigt. Mal in die eine, mal in die andere Richtung. Mal wohlwollend, mal taktlos. Manch familiäres Rätsel, Dunkel oder Mysterium wird hier postuliert oder entschlüsselt. Das Gute daran: Auch wenn einiges unerträglich, unverständlich oder absurd erscheint: der Mantel des Trauerns legt sich über das neu erlangte Wissen und die Erkenntnisse werden tröstlicher und versöhnlicher. So werden wir am Ende eines Menschenlebens die Trauerrunde mit „Aha“- und „Oha“-Erkenntnissen über den Verstorbenen und sein früheres Umfeld verlassen. Und ins Herz schließen …
Weil wir auch nur sterbliche Menschen sind.
PS: Wer mehr über das Baumhoroskop auf dem Ascherslebener Friedhof wissen und sehen möchte, der/die schaue bitte hier nach: https://wp.me/p7Pnay-Z6
Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße
Wolfgang Schiele
Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren
Film oder Foto? Worin unterscheiden sie sich? Was macht das eine oder das andere visuelle Format spannend, reizvoll, anziehend, tiefgehend?
Heutzutage sind es vor allem die Spots, die Videoclips, die Bewegtbilder eben, die uns in den Bann zu ziehen scheinen. Ohne einen animierten Spot – so Werbefachleute – sei der erfolgreiche Verkauf eines Produktes illusorisch. Und es bräuchte zwingend Influencer als Animateure; es bräuchte eine fließende Story, die filmische Handlung, eine Sequenz der Bewegung. Fotos seien zu stark und unbewegt und eben nicht einprägsam genug.
Worin unterscheiden sich nun Film und Foto? Was macht ihre psychologische Wirkung aus?
Ein Film steht für einen Verlauf, für eine Art Dynamik. Für ihn wird ein Sujet ausgewählt, eine Startidee umgesetzt, eine visuelle Choreografie realisiert und nach einer mehr oder weniger langen Bildabfolge werden ein oder mehrere Zielgedanken verwirklicht. Alles ist in Bewegung: „panta rhei“, alles fließt. Der Film selbst führt den Betrachter durch eine Geschichte und oftmals geschieht das auch in manipulativer Absicht. Der Abschluss besteht (fast) immer aus einem direkten oder versteckten Appell. Oder aber der Film lässt den Betrachter mit seinen Interpretationsoptionen allein.
Das Foto hingegen steht für einen Zustand, für den eingefrorenen Moment. Ihm fehlt jede Form von erkennbarem zeitlichem Ablauf. Seine interne Geschichte ist auf einen winzigen Augenblick zusammengestutzt, in einer einzigen Pose erstarrt. Ein Foto führt uns durch kein Geschehen, es macht einen Cut, aber wir wissen regelmäßig nicht, ob es der Anfang, das Ende oder ein Dazwischen aus einem fiktiven Ablauf ist.
In unserer schnelllebigen Zeit nehmen wir uns im Alltag sehr wenig Zeit, ein Einzelbild intensiv zu betrachten, es zu interpretieren und es einzuordnen. Einfacher erscheint uns ein Videoclip, in dem wir durch eine Thematik geführt werden. Dabei interpretieren Dritte das hinein, was sie für sich für nützlich halten. Das Foto verlangt uns einiges mehr ab: Wir müssen die Geschichte drumherum selbst erfinden. Sie wird in den meisten Fällen nicht wahrhaftig und richtig sein, aber wir sind beim Bildbetrachten die Herren über die Story dahinter. Ein Film wirkt reaktiv auf uns, ein Bild aktiviert uns eher zum eigenen (Nach-)Denken. Das Einzelbild bleibt – so seine Aussage uns anspricht – im visuellen Gedächtnis; einen Film verlieren wir bildlich viel schneller, dafür pflanzt er uns fremde Annahmen und fragwürdige Glaubenssätze ein.
Suchen Sie sich ein beliebiges Bild aus. Schauen Sie es eine Weile konzentriert an. Und versuchen Sie zu ergründen, was es sagen möchte, was es in Ihnen auslöst und wie lange es in Ihrem visuellen Gedächtnis verbleibt.
Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße
Wolfgang Schiele
Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren