Film oder Foto? Worin unterscheiden sie sich? Was macht das eine oder das andere visuelle Format spannend, reizvoll, anziehend, tiefgehend?
Heutzutage sind es vor allem die Spots, die Videoclips, die Bewegtbilder eben, die uns in den Bann zu ziehen scheinen. Ohne einen animierten Spot – so Werbefachleute – sei der erfolgreiche Verkauf eines Produktes illusorisch. Und es bräuchte zwingend Influencer als Animateure; es bräuchte eine fließende Story, die filmische Handlung, eine Sequenz der Bewegung. Fotos seien zu stark und unbewegt und eben nicht einprägsam genug.
Worin unterscheiden sich nun Film und Foto? Was macht ihre psychologische Wirkung aus?
Ein Film steht für einen Verlauf, für eine Art Dynamik. Für ihn wird ein Sujet ausgewählt, eine Startidee umgesetzt, eine visuelle Choreografie realisiert und nach einer mehr oder weniger langen Bildabfolge werden ein oder mehrere Zielgedanken verwirklicht. Alles ist in Bewegung: „panta rhei“, alles fließt. Der Film selbst führt den Betrachter durch eine Geschichte und oftmals geschieht das auch in manipulativer Absicht. Der Abschluss besteht (fast) immer aus einem direkten oder versteckten Appell. Oder aber der Film lässt den Betrachter mit seinen Interpretationsoptionen allein.
Das Foto hingegen steht für einen Zustand, für den eingefrorenen Moment. Ihm fehlt jede Form von erkennbarem zeitlichem Ablauf. Seine interne Geschichte ist auf einen winzigen Augenblick zusammengestutzt, in einer einzigen Pose erstarrt. Ein Foto führt uns durch kein Geschehen, es macht einen Cut, aber wir wissen regelmäßig nicht, ob es der Anfang, das Ende oder ein Dazwischen aus einem fiktiven Ablauf ist.
In unserer schnelllebigen Zeit nehmen wir uns im Alltag sehr wenig Zeit, ein Einzelbild intensiv zu betrachten, es zu interpretieren und es einzuordnen. Einfacher erscheint uns ein Videoclip, in dem wir durch eine Thematik geführt werden. Dabei interpretieren Dritte das hinein, was sie für sich für nützlich halten. Das Foto verlangt uns einiges mehr ab: Wir müssen die Geschichte drumherum selbst erfinden. Sie wird in den meisten Fällen nicht wahrhaftig und richtig sein, aber wir sind beim Bildbetrachten die Herren über die Story dahinter. Ein Film wirkt reaktiv auf uns, ein Bild aktiviert uns eher zum eigenen (Nach-)Denken. Das Einzelbild bleibt – so seine Aussage uns anspricht – im visuellen Gedächtnis; einen Film verlieren wir bildlich viel schneller, dafür pflanzt er uns fremde Annahmen und fragwürdige Glaubenssätze ein.
Suchen Sie sich ein beliebiges Bild aus. Schauen Sie es eine Weile konzentriert an. Und versuchen Sie zu ergründen, was es sagen möchte, was es in Ihnen auslöst und wie lange es in Ihrem visuellen Gedächtnis verbleibt.
Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße
Wolfgang Schiele
Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren
„Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.“(Honoré de Balzac)
Wie recht er hat, der Zitatgeber! Vor allem deshalb, weil man das erste Mal viel zu wenig Zeit hatte, sich in das Motiv hineinzudenken und sich intensiv mit ihm auseinanderzusetzen. Wenn man viel auf betreuten Reisen unterwegs ist, fehlt die Zeit für die Hingabe zum, die Auseinandersetzung mit und die Lust am Motiv. Vieles, wenn nicht sogar alles reduziert sich auf die technischen Bedingungen, die Positionswahl, das Licht. Eigener Sinnesgenuss am Subjekt oder Objekt tritt nur für einen kleinen Moment ein – dann zieht man schon weiter. Das Leben und Arbeiten in der fotografischen Wirklichkeit kann schon rau und ruppig sein.
Doch wenn man das fertige Bild in Ruhe betrachten kann, dann gesellen sich zum kurzem, aus der Erinnerung aufsteigenden Emotion der Vergangenheit alle weiteren Gefühle: das Gehirn beginnt mit der nachträglichen Interpretation des Fotografierten, mit der Analyse des Bildes und seinen ästhetischen Wirkungen. Das Basisgefühl von damals während des Auslösens wird angereichert mit neuen Aspekten der Bildkomposition. Plötzlich erkennt man weitere Wirkregeln, die dem Bild in seiner Interpretation guttun. Oder eben auch nicht. Dann verwirft man es vielleicht …
Foto: Wolfgang Schiele
Ganz intensiv gestaltet sich der Prozess einer „erinnerten früheren Wirklichkeit“ bei der Zusammenstellung eines Fotobuches. In der Regel sind für dessen Umsetzung viele einzelne Bearbeitungsschritte erforderlich, will man nicht nur einen 0-8-15-Bildband fabrizieren. Konkret bedeutet das eine gezielte fotografische Auswahl zu treffen, denn meist hat man viel zu viele Bilder zur Verfügung. Also geht es um persönlichen Geschmack und um Qualität. Die visuelle Prüfung gerät ganz unvermittelt zur tiefen inneren Verbundenheit mit dem Motiv – man verschmilzt mit allen Sinnen mit der Aufnahme und ist sowohl am Ort des vergangenen Geschehens als auch in Zeit zurückversetzt, in der das Foto entstand.
Diese aus der Psychologie bekannte „Affektbrücke“, die das Bild schlägt, löst vergleichbare oder zumindest ähnliche Gefühle und auch einhergehende körperliche Empfindungen aus, die Vergangenheit und Gegenwart gleichsam miteinander verknüpfen. Diese assoziative Verbindung ist es auch, die in uns neue Denkprozesse, Interpretationsweisen und Haltungen zum fotografierten Objekt oder Subjekt erzeugt und damit Kreativität fördert. Vor allem aber vollzieht sich der Aufbau der Affektbrücke im Stillen: Wir sind nicht körperlich am Ort des früheren Geschehens, sondern frei von umgebender Hektik, mannigfaltigen Lärm und Treiben und anderen störenden Einflüssen, die uns seinerzeit den Genuss am Motiv verdorben haben. Indem wir faktisch das eigentliche Motiv aus seiner umtosten, unruhigen oder überzeichneten Welt herausgeschält haben, können wir uns nun dem uneingeschränkten Wohlgefallen, der visuellen Faszination und der ästhetischen Schönheit des Bildes hingeben. Und dann entsteht auch ein emotional ansprechendes Fotobuch …
Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße
Wolfgang Schiele
Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren
Nach einer Altaufräum- und Neueinräumaktion im Januar blieben mir von geschätzt 400 Büchern aus DDR-Zeiten noch um die einhundert übrig, von denen ich mich nicht zu trennen vermochte. Und das aus einem einzigen Grund: Sie waren prägend für mein junges Erwachsenendasein, haben Meilensteine in meiner Entwicklung gesetzt und meine Lebensplanung entscheidend mitbestimmt.
In vielen Fotobüchern, Beiträgen und Kommentaren liest man, dass der Mensch seine Fotomotive nach bestimmten Kriterien gestaltet: z. B. nach der „9-Feld-Methode“, nach dem Prinzip des „Goldenen Schnitts“, der Methode der „führenden Linien“ oder nach Schema des „negativen Raumes“.