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Späte Freiheit Ruhestand

Vom Gelingen der dritten Lebenshälfte

Picture Words of Sense (18)

Zitatografie – eine Mariage zwischen fremdem Zitat und eigener Fotografie

© Wolfgang Schiele – auch unter https://www.linkedin.com/in/wolfgang-schiele-42b86990/ und in der LinkedIn-Gruppe „Smart aging – gelassen altern“ unter https://www.linkedin.com/groups/12716599/ zu finden

Endstation Waldfriedhof

Das sogenannte „Baumhoroskop“ nach keltischem Vorbild – der Erinnerungsgarten in meiner Geburtsstadt Aschersleben

Eine geliebte Freundin und Nachbarin wurde am Wochenende beigesetzt. Nun bin ich zwar ab und an auf Friedhöfen unterwegs; allerdings mag ich nicht die Trauerzeremonien, die der Grablege vorangehen. Erinnern sie doch daran, dass man selbst auch sterblich ist. – Doch hier ging es um die letzte Ehrbezeugung, die Verabschiedung auf den letzten Wegabschnitt, die Wertschätzung einer Person, die das eigene Leben nachbarschaftlich mitgeprägt hat. Da seit dem Todesfall bereits vier Wochen vergangen waren, fuhr ich bereits in einer gewissen Vortrauerstimmung zur kleinen Kapelle auf unseren Waldfriedhof, um am Ritual einer anonymen Urnenbeisetzung teilzuhaben.

Die Trauer als Emotion ist nach meinem Mentor Sebastian Mauritz die „Hüterin der Werteerinnerung“: Der Verlust erst macht uns vollständig bewusst, was wir eigentlich verloren haben. Im Alltag des Zusammenlebens war die Welt in Ordnung; Respekt und Achtung zwischen uns Nachbarn bildeten ein gewisses Grundrauschen an gegenseitiger Wertschätzung. Jetzt, wo die permanente Abwesenheit einer Person allgegenwärtig ist, stellen die mit ihrem Tod abhanden gekommenen Werte eine neue Qualität dar. Wir trauern weniger ihm, dem Menschen, sondern ihnen, den entschwundenen Werten, nach.

Namensschilder an den Säulen, die die Urnenbeisetzung personalisieren

Die Trauerfeier vollzog sich im kleinen Familienkreis; dazu waren einige enge Freunde und Bekannte eingeladen. Im Mittelpunkt stand die offizielle Trauerrede – eine Rückschau und Würdigung der Lebenszeit – die „Laudatio auf das Leben“ – sie will uns den Verstorbenen als guten, schönen und wahren Menschen hinterlassen. Recht so! Der Nachruf, eine Aufwertung der Verstorbenen, nutzt traditionell (und meist unbewusst) das Sprachmodell von Milton H. Erickson (kurz: „Milton-Modell“) mit seinen Generalisierungen, Verzerrungen und Tilgungen. Am ehesten fielen mir die Tilgungen auf: das Weglassen wichtiger Details und Zusammenhänge, das Verschweigen teilweise existenzieller Vorkommnisse. Vieles, was der Trauergemeinde bekannt war (und wohl auch wichtig erschien), wurde ausgeblendet. Bosheiten, Verletzungen und Schicksalsschläge wurden getilgt – obwohl sie zum Leben eines jeden von uns hinzugehören (… aber das möchte auf einer Trauerfeier – auch nicht im kleinsten Kreise – niemand hören. Vielleicht ist man ja selbst verstrickt in das Ereignis oder sogar dessen auslösende Ursache gewesen …). Dann folgten die Verzerrungen: Umschreibungen und vorsichtige Umwidmungen von Geschehnissen, die Entschärfung und Milderung von Lebenstatsachen. Und sogar der Versuch einer Versöhnung mit Vorkommnissen, die noch immer den überlebenden Familienclan belasten könnte … Generalisierungen kamen nur wenige vor, wohl deshalb, weil die Rede sehr persönlich gehalten war.

Beispiel für einen „Eiche-Menschen“

Soweit zu den gesprochenen Worte der Urnengrabrede. Beim sog. Totenschmaus verzichten die Anwesenden weitgehend auf die Kriterien des Milton-Modells. Die Gespräche am Tisch drehen sich um das wahre Leben im Schattenfeld der Laudatio. Dort geht es nicht mehr um die „Persona“ nach C. G. Jung, ihr Auftreten und ihre Haltung nach außen, um das äußere Erscheinungsbild. Sondern um die Wahrheit und Wahrhaftigkeit der Person, des Menschen und seines Umfeldes zu Lebzeiten. Dort wird die überschwere Truhe der familiären Fragezeichen und Heimlichtuereien ein Stück weit geöffnet. In kleinen Gruppen ergänzen und komplettieren die Trauernden (gewollt oder unbewusst) ihr vorhandenes Insiderwissen um neue Mosaiksteinchen – und das Bild der Verstorbenen wird vervollständigt. Mal in die eine, mal in die andere Richtung. Mal wohlwollend, mal taktlos. Manch familiäres Rätsel, Dunkel oder Mysterium wird hier postuliert oder entschlüsselt. Das Gute daran: Auch wenn einiges unerträglich, unverständlich oder absurd erscheint: der Mantel des Trauerns legt sich über das neu erlangte Wissen und die Erkenntnisse werden tröstlicher und versöhnlicher. So werden wir am Ende eines Menschenlebens die Trauerrunde mit „Aha“- und „Oha“-Erkenntnissen über den Verstorbenen und sein früheres Umfeld verlassen. Und ins Herz schließen …

Weil wir auch nur sterbliche Menschen sind.

PS: Wer mehr über das Baumhoroskop auf dem Ascherslebener Friedhof wissen und sehen möchte, der/die schaue bitte hier nach: https://wp.me/p7Pnay-Z6

Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele

Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren

© Wolfgang Schiele, 2024 | Coaching50plus | info@coachingfiftyplus.de

Picture Words of Sense (17)

Zitatografie – eine Mariage zwischen fremdem Zitat und eigener Fotografie

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„Fotoschnipsel“ – Motiv und Wirkung (22) – Film versus Foto

Foto: Wolfgang Schiele

Film oder Foto? Worin unterscheiden sie sich? Was macht das eine oder das andere visuelle Format spannend, reizvoll, anziehend, tiefgehend?

Heutzutage sind es vor allem die Spots, die Videoclips, die Bewegtbilder eben, die uns in den Bann zu ziehen scheinen. Ohne einen animierten Spot – so Werbefachleute – sei der erfolgreiche Verkauf eines Produktes illusorisch. Und es bräuchte zwingend Influencer als Animateure; es bräuchte eine fließende Story, die filmische Handlung, eine Sequenz der Bewegung. Fotos seien zu stark und unbewegt und eben nicht einprägsam genug.

Worin unterscheiden sich nun Film und Foto? Was macht ihre psychologische Wirkung aus?

Ein Film steht für einen Verlauf, für eine Art Dynamik. Für ihn wird ein Sujet ausgewählt, eine Startidee umgesetzt, eine visuelle Choreografie realisiert und nach einer mehr oder weniger langen Bildabfolge werden ein oder mehrere Zielgedanken verwirklicht. Alles ist in Bewegung: „panta rhei“, alles fließt. Der Film selbst führt den Betrachter durch eine Geschichte und oftmals geschieht das auch in manipulativer Absicht. Der Abschluss besteht (fast) immer aus einem direkten oder versteckten Appell. Oder aber der Film lässt den Betrachter mit seinen Interpretationsoptionen allein.

Das Foto hingegen steht für einen Zustand, für den eingefrorenen Moment. Ihm fehlt jede Form von erkennbarem zeitlichem Ablauf. Seine interne Geschichte ist auf einen winzigen Augenblick zusammengestutzt, in einer einzigen Pose erstarrt. Ein Foto führt uns durch kein Geschehen, es macht einen Cut, aber wir wissen regelmäßig nicht, ob es der Anfang, das Ende oder ein Dazwischen aus einem fiktiven Ablauf ist.

In unserer schnelllebigen Zeit nehmen wir uns im Alltag sehr wenig Zeit, ein Einzelbild intensiv zu betrachten, es zu interpretieren und es einzuordnen. Einfacher erscheint uns ein Videoclip, in dem wir durch eine Thematik geführt werden. Dabei interpretieren Dritte das hinein, was sie für sich für nützlich halten. Das Foto verlangt uns einiges mehr ab: Wir müssen die Geschichte drumherum selbst erfinden. Sie wird in den meisten Fällen nicht wahrhaftig und richtig sein, aber wir sind beim Bildbetrachten die Herren über die Story dahinter. Ein Film wirkt reaktiv auf uns, ein Bild aktiviert uns eher zum eigenen (Nach-)Denken. Das Einzelbild bleibt – so seine Aussage uns anspricht – im visuellen Gedächtnis; einen Film verlieren wir bildlich viel schneller, dafür pflanzt er uns fremde Annahmen und fragwürdige Glaubenssätze ein.

Suchen Sie sich ein beliebiges Bild aus. Schauen Sie es eine Weile konzentriert an. Und versuchen Sie zu ergründen, was es sagen möchte, was es in Ihnen auslöst und wie lange es in Ihrem visuellen Gedächtnis verbleibt.

Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele

Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren

© Wolfgang Schiele, 2024 | Coaching50plus | info@coachingfiftyplus.de

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„Fotoschnipsel“ – Motiv und Wirkung (21) – Visueller Buchmacher

Foto: Wolfgang Schiele

„Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.“(Honoré de Balzac)

Wie recht er hat, der Zitatgeber! Vor allem deshalb, weil man das erste Mal viel zu wenig Zeit hatte, sich in das Motiv hineinzudenken und sich intensiv mit ihm auseinanderzusetzen. Wenn man viel auf betreuten Reisen unterwegs ist, fehlt die Zeit für die Hingabe zum, die Auseinandersetzung mit und die Lust am Motiv. Vieles, wenn nicht sogar alles reduziert sich auf die technischen Bedingungen, die Positionswahl, das Licht. Eigener Sinnesgenuss am Subjekt oder Objekt tritt nur für einen kleinen Moment ein – dann zieht man schon weiter. Das Leben und Arbeiten in der fotografischen Wirklichkeit kann schon rau und ruppig sein.

Doch wenn man das fertige Bild in Ruhe betrachten kann, dann gesellen sich zum kurzem, aus der Erinnerung aufsteigenden Emotion der Vergangenheit alle weiteren Gefühle: das Gehirn beginnt mit der nachträglichen Interpretation des Fotografierten, mit der Analyse des Bildes und seinen ästhetischen Wirkungen. Das Basisgefühl von damals während des Auslösens wird angereichert mit neuen Aspekten der Bildkomposition. Plötzlich erkennt man weitere Wirkregeln, die dem Bild in seiner Interpretation guttun. Oder eben auch nicht. Dann verwirft man es vielleicht …

Foto: Wolfgang Schiele

Ganz intensiv gestaltet sich der Prozess einer „erinnerten früheren Wirklichkeit“ bei der Zusammenstellung eines Fotobuches. In der Regel sind für dessen Umsetzung viele einzelne Bearbeitungsschritte erforderlich, will man nicht nur einen 0-8-15-Bildband fabrizieren. Konkret bedeutet das eine gezielte fotografische Auswahl zu treffen, denn meist hat man viel zu viele Bilder zur Verfügung. Also geht es um persönlichen Geschmack und um Qualität. Die visuelle Prüfung gerät ganz unvermittelt zur tiefen inneren Verbundenheit mit dem Motiv – man verschmilzt mit allen Sinnen mit der Aufnahme und ist sowohl am Ort des vergangenen Geschehens als auch in Zeit zurückversetzt, in der das Foto entstand.

Diese aus der Psychologie bekannte „Affektbrücke“, die das Bild schlägt, löst vergleichbare oder zumindest ähnliche Gefühle und auch einhergehende körperliche Empfindungen aus, die Vergangenheit und Gegenwart gleichsam miteinander verknüpfen. Diese assoziative Verbindung ist es auch, die in uns neue Denkprozesse, Interpretationsweisen und Haltungen zum fotografierten Objekt oder Subjekt erzeugt und damit Kreativität fördert. Vor allem aber vollzieht sich der Aufbau der Affektbrücke im Stillen: Wir sind nicht körperlich am Ort des früheren Geschehens, sondern frei von umgebender Hektik, mannigfaltigen Lärm und Treiben und anderen störenden Einflüssen, die uns seinerzeit den Genuss am Motiv verdorben haben. Indem wir faktisch das eigentliche Motiv aus seiner umtosten, unruhigen oder überzeichneten Welt herausgeschält haben, können wir uns nun dem uneingeschränkten Wohlgefallen, der visuellen Faszination und der ästhetischen Schönheit des Bildes hingeben. Und dann entsteht auch ein emotional ansprechendes Fotobuch …

Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele

Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren

© Wolfgang Schiele, 2024 | Coaching50plus | info@coachingfiftyplus.de

Picture Words of Sense (13)

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© Wolfgang Schiele – auch unter https://www.linkedin.com/in/wolfgang-schiele-42b86990/ und in der LinkedIn-Gruppe „Smart aging – gelassen altern“ unter https://www.linkedin.com/groups/12716599/ zu finden

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