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Späte Freiheit Ruhestand

Vom Gelingen der dritten Lebenshälfte

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Viktor E. Frankl

Die „letzten Dinge“… vom Sinn und von der Sinnlosigkeit

Es gibt nur zwei wirklich wichtige Termine im Leben, die wir nicht verpassen sollten. Einer davon ist uns bekannt – und wir waren pünktlich zur Stelle – es ist der Tag unserer Geburt. Den anderen können wir eigentlich gar nicht verpassen, doch wir kennen ihn nicht: Es ist der Tag des Abschieds.

Irvin Yalom, der vielleicht dienstälteste Psychotherapeut der Welt, hat sich intensiv damit befasst, was zwischen den beiden Terminen lebensprägend ist. Es sind für ihn die sogenannten „letzten Dinge“, die maßgeblich unsere physische und psychische Gesundheit beinflussen, existenzielle Krisen auslösen können und unsere seelische Verfassung ausmachen. Die Spannungsfelder, in denen sich sein Lebenswerk „Existenzielle Psychotherapie“ bewegt, schwingen zwischen den Polen von „Freiheit und Verantwortung“, „Isolation und Verbundenheit“, „Leben und Tod“ sowie „Sinnlosigkeit und Sinnsuche“ hin und her. Dieser Beitrag befasst sich mit den letzten beiden Termini.


Yalom geht davon aus, dass uns das Leben keinen Sinn mitgegeben hat. Unser Daseinszweck und unsere Bestimmung auf Erden bleiben erst einmal unergründlich. Außerhalb unseres eigenen Selbst wissen wir nicht einmal, ob eine objektive Welt um uns herum wirklich existiert oder ob wir sie uns nur konstruieren. Wenn wir uns nicht sicher sind, können wir uns die Frage stellen: „Sollten plötzlich alle Menschen sterben – gäbe es dann diese Welt noch?“ (hier bitte einen Moment innehalten und abwägen …) Uns gegenüber verhält sich die Welt völlig sinnfrei und gleichgültig. Außerhalb unseres Selbst ergibt die Welt nicht wirklich Sinn. Wenn uns aber die Welt keinen Sinn mitgegeben hat, dann kann er immer nur aus unserem eigenen Inneren heraus geschaffen, kreiert werden. Und dazu bedarf es des Mutes, ernsthafte Fragen an das eigene Leben und sein Umfeld zu stellen. Diese Fragen beginnen regelmäßig mit: „Warum sind wir da und wofür leben wir?“


Die bekanntesten Vertreter, die sich als Existenzialisten einen Namen gemacht haben, sind Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Letzterer erkennt weder im Leben an sich einen Sinn, noch im Tod. Wobei der Tod der krönende Abschluss eines absurden, widersinnigen Lebens ist. Der Mensch hat nach Camus nur die Wahl, die Absurdität seines Seins anzuerkennen und anzunehmen, wenn er sich nicht durch Suizid aus dieser Absurdiät hinwegschleichen will. Damit bleibt der Mensch zwar Selbstgestalter seiner Welt, aber ohne in seinem Handeln einen Sinn zu sehen.


Viktor E. Frankl als Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse meint hingegen, dass der Mensch den Sinn im Leben braucht, um glücklich zu werden. Da es bekanntermaßen keine Universalrezepte für die Sinnfindung gibt, unterstützt er uns mit drei Wegweisern, seinen drei Hauptstraßen zum Sinn. Die erste Magistrale führt uns zu den Erlebniswerten, zu allem, was wir gemeinhin als das Gute, das Schöne und das Wahre bezeichnen. Die zweite ist eine Trasse entlang der schöpferischen Werte: den Dingen, Taten und Werken, die wir für uns, für andere und die Gesellschaft erschaffen haben. Und die dritte Schnellstraße führt zu unseren Haltungswerten, die uns z. B. persönliches Glück spüren lassen oder das Leiden in der Welt erträglich machen.


John Strelecky, der Autor des Weltbestsellers „Das Café am Rande der Welt“, lässt seinen Helden in einem Lokal stranden, in dem ihm drei Fragen gestellt werden, die er sich bisher noch nie gestellt hatte und die ihm bis dahin auch noch nie gestellt wurden. Entsprechend lange dauert seine Auseinandersetzung mit der Speisekarte, in der diese Fragen stehen. Die erste befasst sich mit seinen Werten: „Führst du ein erfülltes Leben?“ Die zweite fragt nach seiner Identität als Mensch: „Hast du Angst vor dem Tod?“ Und die letzte und wohl wichtigste fordert eine Antwort auf die Sinnfrage ein: „Warum bist du hier?“ – Die Antworten findet man meiner Meinung nach nur auf einer Reise zu sich selbst …

Nur wenn für mich selbst im Rückblick auf mein Leben eine individuelle Bedeutsamkeit auftaucht, wenn ich erkenne, mein früheres Handeln hatte (m)ein erstrebenswertes Ziel verfolgt und ich habe es versucht zu erreichen oder gar vollendet, dann entsteht Sinnesstolz. Der Stolz darüber, etwas geschaffen zu haben, was nicht nur schnödes Ergebnis meines Denkens und Tuns ist, sondern für mich und für andere eine Bedeutung darüber hinaus hat, verleiht meiner Handlung einen Sinn. Und genauso sieht es aus, wenn mein Blick in die Zukunft gerichtet ist: Ein Plan, ein Vorhaben, das meinen Wertevorstellungen entspricht und von dem ich überzeugt bin, macht ferneren Sinn aus. Und motiviert mich vom Start bis zur Vollendung.


Es bedarf wohl einer individuellen, idealisierten Werte- und Zielvorstellung, die man verwirklichen muss, um Sinnhaftigkeit zu spüren. Ohne eigene Vorgaben und Ideale durchs Leben zu gehen, geschweige denn daran zu denken, ins zielorientierte Handeln zu kommen, ergibt keinen wirklichen Sinn. Dagegen kann es schon ausreichen, wenn wir alltäglichen Verrichtungen einen höheren Zweck zuschreiben, als die gemeine Vernunft ihn einzuordnen vermag. Eine übergeordnete Bedeutung auf einer höheren Abstraktionsebene zu erkennen führt uns nämlich zu einem qualitativ neuen Verständnis des kleinen wie auch eines großen Weltzusammenhanges.

Auch wenn der Psychotherapeut Yalom die wesentlichen Ursachen für psychische Störungen aus seinen „letzten Dingen“ ableitete und bedeutende therapeutische Erfolge feiern konnte, so findet auch er nicht d i e Sinngeber an sich. Auch er ist sich der Schwierigkeit bewusst, sich selbst immer wieder ganz individuelle Sinnfragen stellen zu müssen – und vielleicht am Ende sogar eine absurde:

„Erfinde einen Sinn, der stabil genug ist, um als Fundament des Lebens zu dienen und vollziehe dann das knifflige Manöver, die eigene Urheberschaft an diesem Sinn zu leugnen.“

(Irvin D.Yalom, US-amerikanischer Psychotherapeut)

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de

Der Ruhestand – Ein Spagat zwischen Sinnsuche und Sinnlosigkeit (2)

Irvin Yalom – der wohl dienstälteste Psychotherapeut der Welt – hat in seinem Lebenswerk „Existenzielle Psychotherapie“ von den vier letzten Dingen oder Grundsorgen („basic concerns“) der Menschen geschrieben. Gerät die Waage zwischen zwei Antagonismen, wie z. B. den Qualitäten Sinn(suche) und Sinnlosigkeit, aus dem Gleichgewicht, kann das schwere seelische Verletzungen und psychische Störungen zur Folge haben. Das Konfliktpotenzial zum Thema Sinn nimmt mit zunehmendem Alter eher zu als ab …

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