Hobbymäßig habe ich über viele Jahrzehnte einen fotografischen Bildschatz zusammengetragen. Das Archiv wird wohl um die 30000, 35000 Bilder umfassen. Ich bin seit über einem Jahr dabei, das Archiv zu sichten und thematische Gruppen zusammenzustellen, die ich dann mit Texten versehen hier im Blog oder in ausgesuchten sozialen Netzwerken präsentiere. Immer, wenn ich meine Fotografien durchsehe, bearbeite, neu sortiere oder betexte, befinde ich mich zu einem Teil genau an dem Ort, den ich früher einmal abgelichtet habe, spüre die Szene, in der ich damals Player oder Beobachter war. Und kann sie fast immer genau reflektieren. An Hand der Bilder gelingt es mir, die Abfolge meiner Lebensabschnitte besser zu sortieren, zu positionieren, zu bewerten – und, ja, auch zu bewundern!

Vielleicht noch eindrücklicher habe ich vor fast zwei Jahren mein Leben reflektiert, als ich einen Stapel alter Tagebücher wiederfand und sie an den Wintertagen noch einmal las. Der Effekt das Zurückversetzens ist im Erinnerungsfall noch intensiver. Allerdings gibt es auch Notizen, zu deren ursächlicher Situation ich keinen Zugang mehr habe. Offensichtlich gibt es da und dort auf der biografischen Timeline Risse, weil das Gedächtnis nicht immer reibungslos und fehlerfrei arbeitet. Fotografien haben den Vorteil, dass sie unser Gedächtnis kraftvoll unterstützen und oftmals auf die Sprünge helfen. Und bei digital gespeicherten Aufnahmen meist auch noch mit einem Zeitstempel versehen sind.

Foto: Wolfgang Schiele

Nun habe ich eine dritte Quelle der Altersregression und Reflexion gefunden. In einem großen schwarzen Album habe ich hunderte von Visitenkarten wiederentdeckt. Diese Geschäftskarten sind mannigfaltigster Natur: Kärtchen von Restaurants und Hotels, in den ich einstmals gegessen und gewohnt habe, von den unterschiedlichsten Geschäftspartnern in meinem ersten Beruf, von Trainern, Mentoren und Coaches meines zweiten Lebensweges, von Zufallsbekanntschaften, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe. Auch hier ist die Unterstützungswirkung etwas durchgängiger im Vergleich zu früheren Tagebuchnotizen, allerdings ist der Erinnerungsprozess in der Regel etwas langwieriger als bei reinen Fotos – besonders dann, wenn das Ereignis zeitlich länger zurückliegt.

Drei Möglichkeiten, um sein Leben Revue passieren zu lassen. Aus all diesen Erinnerungsankern kann man im Rückblick ein Gesamtbild seines Lebens erstellen. Es entsteht eine vielschichtige und recht komplexe Werkschau des eigenen Seins. Auch wenn man über die eine oder andere „Abbiege“ seines Lebens hadert und sich womöglich bessere Pläne B herbeigesehnt hätte – für das positive Gesamtverständnis, die Homogenität und Folgerichtigkeit des persönlich Vergangenen trägt diese Art der kombinierten schrift- und bildgestützten Reflexion entscheidend bei. Und versöhnt uns in der dritten Lebensphase mit dem Gewesenen – und vielleicht auch mit dem vermeintlich Vermiedenen …

Wie geht es Euch/Ihnen mit der Reflexion der eigenen Vergangenheit? Was sind Eure/Ihre Anker, an denen Ihr/Sie das vergangene Leben festmacht und bewertet?

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2023 | Coaching50plus | http://www.coachingfiftyplus.de