
Wir befinden uns auf dieser Welt in einem Dilemma: in der Zeitfalle. Wir verfügen über einen Zeitüberschuss, wie wir ihn lange nicht hatten – und leben gleichzeitig in einer Ära der Zeitarmut. Nach den Daten der OECD ist die wöchentliche Freizeit seit 1950 von Frauen von vier auf acht Stunden gestiegen. Männer erlebten in derselben Zeit einen Zeitüberschuss, der von sechs auf neun Stunden pro Woche anstieg!
Ursächlich ist die Wochenarbeitszeit messbar gesunken – in den USA beispielsweise zwischen 1950 und 2017 von 37,8 auf 34,2 Stunden. Ermöglicht wurde diese an sich positive Veränderung durch die Automation der Produktion, die digitale Kommunikation und eine – wenn auch nicht immer gerechte – arbeitsteilige Globalisierung der wirtschaftlichen Prozesse. Im Haushalt und in der Freizeit hielten elektronische Helferlein Einzug und ganz persönlich sind wir normalerweise effizienter, weil wir Smartphones und Apps verwenden.
Die Zeit, die die Hilfsmittel für uns Menschen sparen sollten, beanspruchen die digitalen Wächter nun zeitlich für sich. Und zwar weit mehr, als sie uns jemals ersparen. Die gewonnenen Stunden individuell verplanbarer Lebenszeit knöpfen uns die überall und allzeit präsenten Geräte locker wieder ab. Das nennt Ashley V. Whillans das „Autonomieparadox“ (Psychologie heute, 19/2021, Beitrag „Zeit finden“). Sie schreibt weiter: „Lange Blöcke freier Zeit, die wir früher genießen konnten, werden nun unentwegt von unseren Smartwatches, Smartphones, Tablets und Laptops unterbrochen“. Und es wird uns in den meisten Fällen gar nicht bewusst. Wir arbeiten weniger Stunden als früher, aber wir arbeiten jede Stunde. Die Mär von der Work-Life-Balance wird im Angesicht der digitalen Übermacht um uns herum kraftvoll und nachhaltig ad absurdum geführt.
Wir alle kennen das aus dem beruflichen Umfeld: Die wahren Helden der Arbeit sind die, die das Büro als letzte verlassen. Der Druck, der durch die kollegiale Konkurrenz – und neuerdings auch durch die KI – aufgebaut wird und existenziell zu werden droht, zwingt uns mehr oder weniger sanft zum steten Arbeiten. Und ich behaupte noch eines: Die Corona-Welle mit ihrem ausgeprägten Homeoffice-Notstand hat den Druck noch weiter verstärkt und eher keine verbesserte Harmonie zwischen Arbeits- und Privatleben bewirkt. Wir sitzen wie in einer Zeitfalle. Wir erleben trotz des steigenden Zeitüberschusses das Phänomen der allgegenwärtigen Zeitarmut. Anstelle zum ersehnten Zeitüberfluss kommt es zum digital getriebenen Zeitüberdruss. Externe Zeitdiebe herrschen über unsere selbst erwirtschafteten Zeiteinsparer.

Im Alter nun müssen wir zwangsläufig geizig sein: Unsere Zeit läuft ab. Bei aller Unterstützung im Alltag sollten wir uns im Ruhestand nicht zu sehr abhängig von der Technik machen, sonst tappen wir in die unsere womöglich nächste, späte Zeitfalle und verschwenden kostbare Zeit an die auf uns einstürzende Informationsflut, auf eine latente, digitale Erpressung. Doch es gibt Entwarnung: Wir Silver-, Mid- oder Bestager nutzen nicht oder nur in reduziertem Umfange die „Erleichterungen“, die uns das digitale Zeitalter beschert. Wir sind statistisch gesehen einige Stunden weniger mit unserem smarten Phone oder dem Laptop unterwegs, als die Generationen Y und ganz besonders die Vertreter der Gen Z. Wir lassen uns weniger treiben, ablenken oder verleiten durch die verführerischen Verlockungen des digitalen Äthers. Das sollte uns zum Vorteil gereichen.
Andererseits: Wir „Alten“ leben in einer Art Zeitwohlstand. Der allerdings verlangt von uns aktives Handeln. Wir sollten uns an die Mission von Momo aus Michael Endes gleichnamigem Buch halten, die uns auffordert, nicht Zeit bei den grauen Männern ansparen zu wollen, sondern sie in sinnvoller Weise für ein erfülltes Leben im Hier und Jetzt zu nutzen. (Was natürlich auch für alle die gelten sollte, die noch beruflich unterwegs sind.) Denn Zeit kann man nicht bei den Pfeife rauchenden Graumännern im Buch ansparen und für später zurücklegen. Und noch etwas: Verschwenden wir nicht das „Zeitkonfetti“ (A. V. Whillans), das aus Sekunden- und Minutenschnipseln besteht und uns beim „unproduktiven Multitasking“ unbemerkt durch die Finger rinnt. Sondern lösen wir uns von den schier unendlichen Banalitäten der digitalen Welt und konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, das Wichtige und Glücklichmachende in unserem Leben.
Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!
Ihr freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele
© Wolfgang Schiele 2024 | info@coachingfiftyplus.de

15. Januar 2024 at 11:40
Aber nun, es nützt nichts zu träumen. Die Realität fordert uns heraus.
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15. Januar 2024 at 11:39
Ich denke dabei immer an das Kinderbuch „Momo“ von Michael Ende, an die Schildkröte einerseits, die grauen Herren andererseits, an „Meister Hora“ und an die „Stundenblumen“. Es gibt nur wenige Bücher, die sich mir symbolhaft so einprägen und ich dies alles in unserer Zeit wiederfinde.
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