
„Wieso vier Seiten? Meine Fotos haben eine gestaltete Vorderseite und in der Regel eine weiße Rückseite. Ein Foto ist ein zweidimensionales Ding!“ … Dachte ich lange Zeit auch. Und wurde durch meine Tätigkeit als Coach eines Besseren belehrt.
Friedemann Schulz von Thun, der sich als Professor in Hamburg intensiv mit der menschlichen Kommunikation befasst hat, entwickelte einige Persönlichkeitsmodelle, darunter das sog. „Nachrichtenquadrat“. Ihm fiel nämlich auf, dass in einem Gespräch nicht nur eine Sachbotschaft vom Sender an den Empfänger übermittelt wird, sondern eine Reihe weiterer Aspekte eine Rolle spielen. Denn in einer Unterhaltung spielt auch immer die Beziehung der sich austauschenden Personen untereinander ein Rolle, ihre emotionale Verbundenheit zueinander. Zudem steht das, worüber sich die Sprecher austauschen, in engem Zusammenhang mit ihnen selbst – sie geben etwas von ihrer Persönlichkeit, ihren Bedürfnissen und Erfahrungen preis. Sie offenbaren sich. Und zu guter Letzt spiegelt sich im Gespräch noch etwas wider: Die Kommunikation transportiert eine Haltung, eine persönliche Position, ein Grundverständnis über die Welt und die Menschen. All das kann man mit diesem vierseitigen Nachrichtenmodell, das kurz gesagt aus einer Sachebene, einer Beziehungsebene, der Selbstkundgabe und einem Appell besteht, sehr gut beschreiben.
Nicht nur unsere Sprache folgt diesem Modell. Auch ein Foto berichtet mehr, als wir auf den ersten Blick vermuten. Deshalb habe ich aus dem Nachrichtenquadrat des Professors Schulz von Thun das „Vier-Sichten-Modell der Fotografie“ abgeleitet:
– der Sachinhalt – das ist das, was das Foto dinglich, motivlich ausmacht. Dazu gehören u. a. der Bildaufbau, die Anordnung der Bilddetails, die Perspektive, das Licht, die farbliche Gestaltung … All das, was der Betrachter auf den ersten Blick erfasst. Das offen-sichtliche Ergebnis dessen, was sich der Fotograf bei der Komposition des Bildes für Ziele gesetzt hat.
– die Beziehungsebene – das ist das, was uns emotional anspricht, was uns als Betrachter individuell aufmerken lässt und sich vom alltäglichen werblichen Mainstream unterscheidet. Es ist die Wirkung des Bildes, die uns fesselt oder abstößt, die uns fasziniert oder provoziert. Es ist das, was dem Verstand nicht wirklich zugänglich ist, aber Lust auf ein längeres Betrachten macht und Fantasien in uns weckt.
– die Selbstkundgabe – das ist die erste verdeckte Botschaft über den Fotografen. Seine Präferenzen, seine Bedürfnisse, seine technischen Kenntnisse und das damit verbundene handwerkliche Umsetzungsvermögen am Bild. Ebenso sein Kunstverständnis und seine technischen Kompetenzen. All das, was er dem Bild gewollt oder ungewollt mitgegeben hat.
– der Appell – die (mehr oder weniger) beabsichtigte Aussage des Fotografen. Welche Botschaft wollte er transportieren, mit welcher Einstellung und Haltung hat er sich dem Motiv angenähert und wo liegt der tiefere Sinn des Abgelichteten? Der Appell ist wie eine Headline für das Foto. Er bildet de facto den Sinnesrahmen ein Bild.
Versuchen Sie sich am Eingangsfoto! Was ist der Sachinhalt, welche emotionale Aussage enthält das Bild, was sagt es über den Fotografen aus und welche Botschaft wollte er vermitteln?
Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!
Ihr/Euer freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele
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