
Was für eine späte Wiederentdeckung! Ich habe mein Visitenkartenkarussell gefunden! Prall gefüllt mit den Lebensdaten von Berufskollegen, Freunden und Verwandten! Mit Hotelofferten, Gaststättenempfehlungen und Ausflugszielen. Mit Firmendaten und Verkaufsangeboten. Die ersten aus Zeiten, die gut und gern 40, 45 Jahre zurückliegen. Ich habe sofort begonnen, am Karussell zu drehen …
Ich gebe es zu: Ich habe sie bis zum Ende meiner Tätigkeiten in meiner jeweiligen Arbeitswelt gesammelt! So stockkonservativ war ich. So viele Adressdaten habe ich in keiner digitalen Datei, wie ich sie in gedruckter Form angesammelt habe. Ein großer Teil der kleinen rechteckigen Pappkärtchen ist bieder und funktional gestaltet. Ein etwas kleinerer Teil sticht mit seinem technischen und künstlerischen Aufwand ins Auge. Und einige wenige verfügen über ein ausgefeiltes und geschmackvolles Design. Um es mit den Worten der Heraldik zu sagen: Sie führen im Schilde, was sich materiell dahinter verbirgt.
Beim Betrachten der Kärtchen steigen sofort Bilder in mir auf: ich assoziiere Personen und Situationen, spezielle Orte und Vorgänge. Manche kann ich nicht recht zuordnen, weder zeitlich noch lokal. Vielleicht waren es einfach nur Beifänge, die mit meinem Aufenthalt wenig oder gar nichts zu tun hatten. Aber bei den allermeisten gelingt mir eine ausreichend genaue Zuordnung zu Zeit und Raum. Und so entstehen in meinem Kopf kleinere und größere Geschichten, je länger ich mich mit den Kärtchen beschäftige.
Würde man die Visitenkarten in chronologisch richtiger Reihenfolge hintereinanderlegen, so könnte man daraus eine ganze Lebensgeschichte nacherzählen! Eine berufliche und freizeitliche Biografie in Visitenkartenform! Fast immer hat man bei beruflichen Anlässen keine Kamera dabei, um diese Momente bildlich zu verfestigen. Hier füllen die kleinen papiernen Rechtecke eine wichtige Erinnerungslücke und helfen unserem Gedächtnis auf wundersame Weise auf die Sprünge. Damit die eigene Vita weniger fehlerhaft rekonstruiert werden kann …
Ich bezweifle, dass man das mit den nackten, schmucklosen Personal- oder Unternehmensangaben in einer digitalen Adressdatenbank machen könnte. Und deshalb finde ich es sehr schön, dass es noch immer den Geschäftsbrauch des Visitenkartenaustausches gibt. Er unterstützt u. a. die Rückschau nach dem Austritt aus dem Berufsleben – und stellt eine gute narrative Unterstützung z. B. bei der Abfassung einer Autobiografie dar. Wenn man die Geschäftskarten nicht schon vorher entsorgt hat …
PS: Interessant ist es auch, anhand seiner persönlichen Visitenkarten den eigenen Werdegang nachzeichnen zu können. Die Hochs und Tiefs zu verfolgen und den Wechsel von Tätigkeiten und Unternehmen.
Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße
Wolfgang Schiele
Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren
© Wolfgang Schiele, 2024 | Coaching50plus | info@coachingfiftyplus.de

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