Foto: Wolfgang Schiele

Fakt ist, dass Deutschland zu den Spitzenreitern gehört, wenn es darum geht, das Leben maschinell zu verlängern. Andererseits gehört es aus Sicht der Vorsorge zu den Schlusslichtern unter den Industrienationen. Was nun – was tun? Es gibt einige Menschen, die zur Selbstprävention greifen. Sie warten ihren Körper peinlich genau wie die Teile einer Maschine und nennen es Langlebigkeitsmaßnahmen. Sie üben sich programmhaft in geistiger und physischer Fitness, reichern ihre eiweißreiche und Low-Carb-Gerichte mit Nahrungsergänzungsmitteln an und zeichnen ihre Tätigkeiten rund um die Uhr mit Fitnesstrackern und Leistungsmessern auf.

Verlässliche Untersuchungen darüber, ob die eine oder andere Verhaltensweise (oder gar viele zusammen) im Sinne des „Lifestyle of Longevity“ zu erhöhter Lebenserwartung führt, gibt es nicht. Denn eine Probandengruppe müsste dann über einen längeren Zeitraum eine oder mehrere „ungesunde“ Verhaltensweisen beibehalten, eine andere genau diese durch eine oder mehrere neue Lebensgewohnheiten ersetzen. Annäherungsweise kann man nur größere Menschengruppen befragen, ob sie täglich eine Stunde Yoga machen, 10 km pro Tag an der frischen Luft zurücklegen oder sehr fettreich essen. Doch auch hier gelangt man stets nur zu Durchschnittsdaten, die kaum individuell zuordenbar sind.

Immer mehr Menschen trainieren zielstrebig Langlebigkeit und optimieren ihr Leben im Sinne eines „Lifestyle of Longevity“. Lassen sie dabei nicht außer Acht, dass es auch frühe Todesursachen gibt, auf die sie keinen Einfluss nehmen können? Zu etwa 25% hängt unser Erwartungsalter von den Genen ab, die wir mitbekommen haben. Und während wir Langlebigkeit durch Abstinenz an allem Schönen dieser Welt üben, kommen wir beim Treppensteigen ins tödliche Straucheln, werden von einem LKW in seinem toten Winkel erfasst oder von einem herabfallenden Ast erschlagen.

Wir Menschen sind von der Natur auf Verfall und Vergänglichkeit programmiert. Freie Radikale schädigen unsere DNA in den Zellen. Mit fortschreitender Zeit sind sie nicht mehr reparabel. Wir spüren das an Erkrankungen wie Alzheimer, Diabetes, Krebs oder auch kardiovaskuläre Störungen. Wir können dem Tod nicht entkommen. wir können jedoch die vitale Zeitspanne („health span“) versuchen zu verlängern. In Europa liegt diese Spanne bei 68 Jahren. Das heißt für einen Mann mit durchschnittlicher Lebenserwartung, dass er noch 10 Jahre in der labilen Phase verbringen wird.

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Eine gewagte These aus der ZEIT N° 26: „Vielleicht hat der Fortschritt gar nicht so sehr das Leben verlängert. Sondern das Sterben.“ Nun kann man dieser Aussage mit verschiedenen Lebensentwürfen begegnen: Entweder Daseinsverlängerung durch das Longevity-Konzept mit all seinen Restriktionen und strengen Verhaltens- und Ernährungsregeln oder die intensive Inanspruchnahme medikamentöser, therapeutischer oder lebensverlängernder Maßnahmen im Gesundheitswesen.

Im Übrigen scheinen ja auch immer die „Falschen“ zum Arzt zu gehen. Es gibt diejenigen, welche sich ohnehin regelmäßig zum Arzt begeben und es gibt solche, die selten zum Arzt gehen. Erstere nehmen auch die Präventionen gerne zusätzlich an (ohne sie oftmals zwingend zu benötigen), letztere nehmen seltener vorbeugende Maßnahmen in Anspruch (wäre im Sinne der Langlebigkeit aber besser). So sind Vorsorgemaßnahmen teuer, erfüllen aber oftmals nicht den gesundheitspolitischen Zweck. Weshalb sie dann auch wieder weggespart werden. Insgesamt trägt das natürlich nicht zur spürbaren Erhöhung der Langlebigkeit bei.

Bei all den Überlegungen zum Thema „Länger leben“ bleibt eine Ungewissheit: Gesundes Leben muss nicht immer ein langes und ungesundes nicht immer ein kurzes sein. Es sind eben immer nur individuelle Wahrscheinlichkeiten …

Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele

Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren

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