
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinski hat in seinem Buch „Sind Sie das?“ zum Altern u. a. geschrieben: „Was ich nicht erwartet hatte: Ereignisse aus meiner Jugendzeit, obwohl sie mehr als ein halbes Jahrhundert alt sind, scheinen in meinem Kopf viel präsenter zu sein als die Dinge, die ich später erlebt habe. Aber wahrscheinlich ist das bei allen Menschen so. Es würde erklären, warum in Autobiografien immer die ersten Kapitel die interessantesten sind.“
Vielleicht können das nicht alle Menschen von sich sagen. Ich zumindest habe dieselben Erfahrungen gemacht – es ist die „große Biografielücke“, wie ich sie nenne. Ursächlich dafür, so meine ich, sind die frühen Entwicklungsjahre der Kindheit und der Jugend. Sie sind die prägendsten. Die, welche uns Basiserkenntnisse, Verständnis und Grundhaltung für´s ganze Leben mitgeben – im glücklichen wie im unglücklichen Sinne. Die uns sowohl Freiheit als auch Zwang lehren, uns sowohl zu Einsicht als auch zu Widerstand veranlassen und sowohl unser Weltverständnis als auch unser Lebenskonzept bestimmen.
Vor allem vermisse ich aus der jungen und mittleren Erwachsenenzeit den durchgehenden roten Faden. Alles ist nur bruchstückhaft abgespeichert und zeitlich nicht immer einfach zuordenbar. Eben Einzelbilder, die keinem durchdachten Drehbuch folgen. Obwohl meine Berufszeit – bei genauerem Hinsehen – sehr abwechslungsreich und durchaus auch manchmal turbulent war. Aber vielleicht fehlten auch die ganz großen emotionalen Aufreger, die Leuchttürme beruflichen Glücks (nicht Erfolgs!) oder ein fühlbarer Zuwachs an Charakterstärke. Wäre es so gewesen – ich bin mir fast sicher – die vergangenen 45 Jahre wären noch präsenter und griffbereiter.
Diese Biografielücke korreliert offenbar sehr gut mit dem „Zufriedenheitsparadoxon“ (siehe auch meinen Blogbeitrag „Folgen wir im Lebenslauf der „Theorie U“? unter https://wp.me/p7Pnay-3po). Möglicherweise haben wir im mittleren Erwachsenenalter zwischen 40 und 60 eine Phase der bewusst werdenden Lebensenttäuschungen erreicht und halten diese Zeit für weniger glücklich und daher auch weniger erinnerungswürdig.
Welche Erfahrungen haben Sie mit den Erinnerungen Ihrer beruflichen Zeit gemacht? Überwiegen in der Retrospektive über das eigene Leben die Ereignisse Ihrer Jugendzeit oder ist Ihre berufliche Rückschau konsistenter und homogener als die davor liegende Lebenszeit?
Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße
Wolfgang Schiele
Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren
© Wolfgang Schiele, 2024 | Coaching50plus | info@coachingfiftyplus.de

24. Juli 2024 at 8:28
😊
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23. Juli 2024 at 17:51
Bild und Worte stimmen hier ja wieder überein: Der Mann in der Ferne hat einen ziemlichen Dschungel durchwandert und steht nun fast am Ende seines Lebens vor einer großen Weite, die eigentlich befreiend wirkt. Den Weg zurück würde er – wie es scheint – nicht gern noch einmal wiederholen, und eine Rückschau würde ihn wohl eher verwirren. Muś wohl auch nicht sein.
Was da vor ihm liegt, ist entweder nichts oder ein Land neuer Entdeckungen und Erfahrungen.
Ich stelle mir vor, daß das, was ein Mensch in seinem Leben als Fähigkeiten entwickelt hat, ihm „dort drüben“ auch weiterhilft.
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