Was macht einen guten Charakter aus? Das war die Initialfrage, als man um das Jahr 2000 herum beantworten wollte: Was aus sozialwissenschaftlicher Sicht unsere menschliche Stärke, unsere Verhaltenskompetenz und unseren Persönlichkeitswert ausmacht. So entstand das „Modell der Charakterstärken“, das erwünschte, erstrebenswerte und universelle Eigenschaften, zu denen Menschen aller Kulturkreise „Ja!“ sagen können, beschreibt. Es vereint „Values in Action“ – also „Werte in Aktion“ – vielfältige menschliche Kompetenzen, die hohen moralischen Ansprüchen genügen.

Insgesamt wurden 24 Charakterstärken bestimmt. Sie repräsentieren in gewisser Weise die Gegenspieler zu den Diagnostikkriterien, die in der Psychiatrie seelische Störungen beschreiben. Sie stellen also die positive, die gesunde Seite unseres menschlichen Körperzustandes dar. Bei der Durchsicht der Kriterien stellte ich mir die Frage, welche der Charakterstärken mit und aus der Fotografie entstehen – und somit auch gesundheitsfördernde, seelisch befreiende Kräfte hervorbringen – sollten.

Ich habe sechs der Charakterstärken beispielhaft ausgewählt. Sie verfügen über eine markante, wenn nicht sogar schon existenzielle Nähe zur Fotografie.

Die KREATIVITÄT – die menschliche Fähigkeit, bei neuen Anforderungen neue Wege zu gehen und innovative Lösungen zu finden. Ein Volltreffer, was den Bezug zur Fotografie betrifft! Jedes Bild, das wir aufnehmen, verfügt über einen mehr oder weniger großen Anteil an kreativem Schaffen. Ein gelungenes, famoses Foto ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Novum, eine Neuschöpfung, etwas, was es in dieser Form bisher noch nicht gegeben hat.

Der ENTHUSIASMUS – die Begeisterung, seine ganze Energie zu fokussieren, in das aktuelle (Foto-)Projekt zu investieren und keine halben Sachen zu machen. Ohne eine aufgeschlossene Geisteshaltung, ohne eine innige Beziehung zur anvisierten Person oder Sache können keine aussagestarken und wirkmächtigen Bilder entstehen. Man muss es wirklich und wahrhaftig haben und gestalten wollen, das Motiv der Begierde!

Die BINDUNGSFÄHIGKEIT – das Vermögen, menschliche (und auch dingliche) Nähe herzustellen, Beziehungen zu Sachen und Menschen aufzubauen und diese zu pflegen und dann noch zu mögen. Fehlt der persönliche Bezug zum Motiv, dann wird es nicht bildfähig sein und schon gar nicht wahrhaftig wirken. Wie eine Liebesbeziehung möge die Relation sein, die man eingehen sollte. Ist dann die Fotografie gut geraten, kann die (Ver-)Bindung ein Leben lang andauern.

Die BESCHEIDENHEIT – die erzielte Ergebnisse, ihre Qualität, ihre Aussagekraft und ihre Ausstrahlung für sich sprechen lassen – und sich selbst zurücknehmen. Ein Fotograf, der sich mehr preist, als seine Bilder, raubt ihnen einen Teil ihrer Seele. Es geht ums Bescheiden, frei von Eitelkeit und protziger Arroganz zu sein und einzig das Foto in zurückhaltender und unaufdringliche Weise wirken zu lassen.

Der HUMOR – die Fähigkeit, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und andere zum Schmunzeln und Lachen zu bringen. Eine durchaus wichtige Aufgabe des Fotografen: Aufzuspüren, was uns lachen lässt, einen innewohnenden Doppelsinn begreifbar machen und Ernstes in einem neuen, entspannteren Kontext präsentieren. Diese Suche ist manchmal mühevoll, doch sie lohnt sich!

Der SINN FÜR DAS SCHÖNE – die Eigenschaft, Dinge und Menschen bewusst, achtsam und wertschätzend wahrzunehmen. Wohl eine Grundvoraussetzung für jeden Fotografierenden! So wie wir Schmerzhaftes vermeiden wollen, zieht uns das Schöne, das Wahre und das Gute an. Machen wir uns ein Bild davon – und machen wir ein Bild davon.

Dieser kleine, mit den Charakterstärken verbundene Exkurs ist für mich einmal mehr ein wichtiger Beleg dafür, dass die Fotografie eine tiefgreifende und wirkungsvolle Intervention für die Seele darstellt. Und damit vor dem Hintergrund psychischer Störungen und mentaler Verletzungen ein heilsamer Baustein in der Therapie sein kann.

Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele

Freiwillig emeritierter (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für angehende Senioren

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