
Ich weiß, die Überschrift klingt zunächst ein wenig sonderbar. Doch nach kurzem Nachdenken konnte ich zumindest für mich konstatieren, dass Fremde beachtlichen, wenn nicht sogar essenziellen Einfluss auf mein Leben genommen haben.
Der englische Fachbegriff für diese bedeutsamen Fremden lautet “ weak ties“. Und sie unterscheiden sich krass von den Getreuen, Bekannten, Heimischen – kurz von den Bekannten, Freunden und Angehörigen, mit denen wir vertraut sind. Aber gerade diese Personen haben uns im Leben so manchen Impuls, manche Hoffnung, manchen unbewussten Trost mitgegeben.
Denn aus schwachen Bindungen heraus können durchaus Bedeutsamkeiten entstehen. Die Rolle der Menschen, die wir über den Bekannten-, Freundes- und Familienkreis noch so kennen, wird oft unterschätzt. Sie liefern oftmals und fast unbemerkt Informationen, Erfahrungen oder Erkenntnisse, die wir aus dem Dunstkreis des Bekannten gar nicht bekommen. Begegnungen und Austausch mit Leuten, zu denen wir nur eine lose und temporäre Beziehung haben, heben häufig unser Wohlbefinden und stärken unser Zugehörigkeitsgefühl.
Unser Familien- und Freundeskreis verfügt über eine Art Vorprägung – nach einer gewissen Zeit erhalten wir von ihnen nur wenig neue Impulse – wenn überhaupt. Alles bewegt sich in eingefahrenen Gleisen und es entstehen gewisse, überwiegend geistige Abhängigkeiten. Im Gegensatz dazu tragen bedeutsame Fremde immer mehr zu einer Weitung unseres Weltenblicks bei, lassen uns aufhorchen ob völlig neuer Gedankenspiele. Lose, unscheinbare Beziehungen, schwache Bindungen vermögen inspirierend und richtungswesend sein. So hat z. B. der beiläufige Ratschlag einer meiner Trainerinnen, doch neben meiner NLP-Ausbildung eine Heilpraktikerausbildung zu absolvieren, meine Einsichten in die menschliche Psyche und deren Komplexität enorm erweitert und mich in meinen Sitzungen befähigt, frühzeitig seelische Erkrankungen zu erkennen.
Die Bedeutung der „schwachen Bindungen“ nimmt mit zunehmendem Alter nicht ab, sondern zu. Sie werden Teil unseres neuen, veränderten sozialen Umfeldes in der dritten Lebensphase. Auch deshalb, weil wir im Alter immer mehr Angehörige durch Wegzug oder Tod verlieren. Damit werden die kurzen Augenblicke mit den „weak ties“ immer wertvoller. Schon ein freundliches „Guten Morgen“ von unbekannten Menschen, die Herzlichkeit der Fleischverkäuferin in der Markhalle oder der plaudernde Busfahrer können zu wertvollen Ankern werden. Wir fühlen uns in die Gemeinschaft eingebunden, gewertschätzt und respektiert. Smalltalk verbessert das Zugehörigkeitsgefühl. Die gelegentlichen Bekanntschaften verpflichten uns zu nichts, wir müssen weder dankbar sein noch die Erwartungen anderer erfüllen. Und wenn wir von uns aus auf fremde Menschen einen Schritt zugehen, dann können weitere lose Beziehungen zu noch mehr Inspiration, Glücksgefühl und Selbstwert führen. Ein Netzwerk, von dem man unverbindlich Hilfe erhält und mit dem man trotzdem keine Verbindlichkeit eingeht …
Versuchen Sie einmal Ihren „weak ties“ nachzuspüren. Ich versichere Ihnen schon jetzt, dass Sie an so mancher Stelle Ihrer Biografie auf Verbindungen der leisen, unverbindlichen und fragilen Art stoßen werden, die Ihr Leben mehr oder weniger nachhaltig verändert haben. Und wenn Sie mögen: Teilen Sie es der Gruppe gern mit – ich/wir freuen uns auf eine rege Diskussion.
Also: „Pflegen“ wir sie doch mit entgegenkommender Freundlichkeit, Offenheit und Vertrauensvorschuss – die fremden, schwachen und trotzdem bedeutsamen Beziehungen!

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!
Ihr freiwillig „emeritierter“ (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele
© Wolfgang Schiele 2026 | Coaching50plus | info@coachingfiftyplus.de
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2. Februar 2026 at 9:21
Genau!
Einen entspannten Start in die neue Woche!
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1. Februar 2026 at 19:01
So ein freundlicher, unverbindlicher Austausch von Mensch zu Mensch kann sehr inspirierend sein.
Dazu muß man sich nicht einmal unbedingt persönlich kennen.
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