Zitatografie: Wolfgang Schiele

Zitate sind nichts anderes als eingedampfte Bücher.
Fotografien sind eingefrorener Ausdruck der eigenen Haltung und der Weltsicht.
Wenn beide zueinander kommen, von menschlichem Geist und Gefühl vereint, dann entsteht eine komprimierte Botschaft für die Sinne. Diese Art der Verpartnerung von Wort und Bild bezeichne ich als Zitatografie.

Hier treffen die analoge und die digitale Welt aufeinander: der diskrete Kosmos der Schriftsprache und das kontinuierliche Universum der bildlichen Projektionen. Im optimalen Fall gehen sie in einer Zitatografie eine mehr oder weniger feste Sinnverbindung ein. Bei guten Zitatografien entsteht eine harmonische Synthese, eine Art Seelenverwandtschaft – als ob diese Beziehung schon immer bestanden hätte und niemals nur allein existieren könnte.

Der Text vermittelt vordergründig die rationale Seite des Arrangements. Erst auf den zweiten „Blick“ erschließt sich uns womöglich auch die latente bildliche Botschaft des Textes, dessen affektiver Gehalt. Auf der anderen Seite transportiert die Fotografie zuerst einmal die emotionale Nachricht. Doch auch sie kann eine versteckte inhaltliche Mitteilung enthalten – und oftmals erzählt das Bild eine eigenständige Geschichte. Insofern sind die Bestandteile einer Zitatografie nicht a priori ausschließlich diskreter (Text) oder kontinuierlicher (Bild) Natur, sondern eine Melange verschiedener sinnlicher Botschaften.

Somit können erstaunliche Nebeneffekte entstehen: Die Satzaussage der Zitatografie selbst kann – neben der sichtbaren Fotografie – im Geist ein neues inneres Bild auslösen. Denn nicht immer verbindet unser Verstand das integrierte Bild automatisch mit dem vorliegenden Text. In jedem Fall jedoch entstehen in unserem Kopf eine oder sogar mehrere Assoziationen.

Verschiedene Informationen zu verschmelzen und auf verschiedenen Wahrnehmungskanälen zu transportieren wird auch als „Dual-Coding-System“ bezeichnet. Es ist ein kognitionspsychologisches Modell, das ursprünglich von Allan Paivio entwickelt wurde. Er fand, dass verbale Aussagen und mentale Vorstellungen, wenn sie als verbundene Repräsentationssysteme auftreten, sich gegenseitig verstärken können.

Diese duale Kodierung ein und desselben Phänomens führt bei dessen Entschlüsselung im Kopf oftmals zu einem tieferen Verständnis und trägt zu einem vielschichtigen Gedankenspiel bei. In der Linguistik und in der Psychologie – hier insbesondere im NLP (Neurolinguistisches Programmieren) – ist dieser Vorgang auch als transderivationale Suche bekannt. Das ist ein unbewusster Prozess, bei dem das Gehirn beauftragt wird, vagen bzw. mehrdeutigen Informationen auf der Grundlage unserer Erinnerungen und Erfahrungen einen Sinn zu geben oder sie in einen externen Bezug zu setzen.

Zugleich wird mit der gleichzeitigen Wahrnehmung von Bild und Schrift eine intensivere Verbindung zwischen Verstand und Emotion gefördert. Und nicht zuletzt wird durch die gemischtkanalige Information der Interpretationsspielraum der Zitatografie vergrößert.

Nicht immer bilden Zitatografien eine harmonische und widerspruchsfreie Einheit von Fotografie und Text. Durch die weltanschauliche Prägung, die individuelle Erfahrungswelt und die Art der Wahrnehmung – um nur einige Kriterien zu nennen – können beim Betrachtenden Dissonanzen und Polarisierungen entstehen, die die ursprüngliche Absicht des Zitatografen konterkarieren. Dennoch: Gerade Konflikte und Mehrdeutigkeiten mit und an dem Werk machen Zitatografien interessant, rufen Diskussionen hervor und können durch ihre manchmal auch provokante Art inspirierend sein.

Eine Zitatografie sollte nicht die reine Summe seiner Einzelteile sein, sondern als deutungs- und bedeutungsvolleres Ganzes in eine neue Qualität münden. Dazu können neben der ausgewogenen Auswahl von Text und Foto auch handwerkliche Kniffe, wie die geschickte Auswahl der Schriftart, deren farbliche Gestaltung, die Nutzung des bildliche Negativraumes sowie die Anordnung des Textes auf der Fläche erheblich beitragen.

Zu guter Letzt: Ein nicht hoch genug einzuschätzender Vorteil der Fusion von Schrift und Bild auf einer ungeteilten, einheitlichen Fläche ist der Umstand, dass Blicksprünge vermieden werden. Das Werk gewinnt gerade dadurch, dass keine Ablenkung durch den visuellen Wechsel vom Schriftbereich zur Bildfläche – und umgekehrt – erfolgt. Zitatografien vermeiden a priori Bild-Text-Scheren. Denn: Ein Abbruch der Blickführung bedarf immer einer doppelten Neufokussierung; heißt: Die Konzentration auf das eine oder andere Element muss stets von Neuem aufgebaut werden.

So werden diese Verbundwerke aus verbalen und visuellen Elementen zu einer komprimierten Erfahrung für die Sinne, zu einer verdichteten Repräsentation der wahrgenommen Realität.

Zitatografie: Wolfgang Schiele

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

Ihr freiwillig „emeritierter“ (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2026 | Coaching50plus | info@coachingfiftyplus.de