Als ich vor drei Jahren mein erstes Buch geschrieben habe, bin ich viele Male mit dem Begriff des lebenslangen Lernens in Kontakt gekommen. Was hinter dem Konzept stand, war die Idee, von der frühesten Kindheit bis ins Greisenalter Menschen zum effektiven Lernen zu befähigen. Und ich fand sie – genau wie andere Autoren und Wissenschaftler – nicht sachgerecht. Weil mit dieser Idee weder Bildungsinhalte noch Bildungsziele beschrieben werden. In den Neunzigern ersetzte man das lebenslange Lernen durch das lebensbegleitende Lernen. Das Jahr 1996 wurde sogar zum „Europäischen Jahr des lebensbegleitenden Lernens“ ausgerufen. Leider identifizierten sich weder die Pädagogen, Soziologen und Bildungspolitiker, geschweige denn die breite Masse der erwachsenen Bevölkerung, mit diesem Konzept. Lernen war für eine große Anzahl von Menschen im Erwachsenenalter nicht gerade der Renner. Nach den bestandenen Abschlüssen für den Einstieg in den Beruf ließ die Motivation für das Lernen sichtlich nach und viele Menschen waren nur dann zu Fort- und Weiterbildungen zu bewegen, wenn sie es für die Ausübung ihres Jobs unbedingt erforderlich war. Offensichtlich waren die unangenehmen Erfahrungen aus Schule und Ausbildung ein wesentlicher Anlass, sich vor Wissenszuwachs nach dem Vorbild des hiesigen Bildungswesens zu drücken.

Die klassisch Bildungsformel, nach der 70% aller Menschen lernagil seien, erweist sich durch aktuelle Forschungen als nicht mehr haltbar. Neueste Untersuchungen zeigen, dass etwa 60% aller Arbeitnehmer lerntechnisch zurückhaltend oder sogar passiv sind und 30% mit dem Lernen gar nichts am Hut haben. Die Ursachen liegen wohl darin, dass uns das Lustvolle am Lernen niemals vermittelt wurde und die eigene Freiwilligkeit, die intrinsische Motivation, fehlte. Immer sollten und mussten wir lernen, was andere in Pläne geschrieben hatten. Wir durften und konnten nicht das lernen, was wir für uns für richtig hielten. Doch die gute Botschaft lautet: Wenn man in den Ruhestand geht, dann möchte und darf man lernen – und zwar genau das, was uns die Schulbildung vorenthielt. Lernen bedeutet dann, sich frei und ungezwungen, ohne Prüfungen und Leistungsdruck, das Wissen anzueignen, das allein uns selbst wichtig erscheint. So finden wir heute kaum eine Hochschule, wo es noch freie Gasthörer- und Gaststudienplätze für Senioren gibt. Alles überlaufen und überbesetzt!

Diese Erkenntnisse haben mich dazu bewogen, ein neues Konzept mit neuen Motivationen für das Lernen im Alter zu beschreiben, das ich das NACHBERUFLICHE, ALTERNSGERECHTE Lernen nenne.

Bewusstes Anzapfen der Belohnungssysteme der Natur
Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass ein aktiver Geist, ein gefordertes und beanspruchtes Gehirn, einen guten Schutz gegen demenzielle Erkrankungen darstellt. Freiwilliges und lustvolles Lernen sollte das mit dem Berufsaustritt weggefallene fachliche Denken unbedingt ersetzen. Der zwanglose Umgang mit jetzt selbstgewählten und motivierenden Lerninhalten setzt umso mehr die uns selbstbelohnenden Neurotransmitter, wie z. B. unser Glückshormon Dopamin, frei. Und vor allem: ein im Alter lernendes Gehirn kann die Lebenserwartung messbar erhöhen!

Durch spätes Lernen verschüttete Sehnsuchtsziele erreichen
Im fortgeschrittenen Alter können wir die verpassten (oder die durch Lernmüll verdrängten) Lebensziele noch erreichen! Vielen fehlte im Beruf die Zeit oder die Möglichkeit, sich das Wissen für die Umsetzung von Kindheitsträumen anzueignen. Lernen im Alter taugt hervorragend als Mittel zur Erhöhung der Lebenszufriedenheit! Später Wissenszuwachs sichert – weil eben nicht von anderen erwartet, bewertet oder kritisiert – höchst wertvolle Erfolgserlebnisse. Und weiteres, alternsgerecht erworbenes Wissen ergänzt unsere bisherigen biografischen Erfahrungen.

Durch Lernangebote in die Gesellschaft reintegrieren
Es gibt eine Reihe von Projekten, in denen die Expertise des lebenslang angesammelten Wissens und der Fähigkeiten älterer Menschen sehr geschätzt wird (wir bräuchten mehr davon!). Die Bereitschaft, weiter gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen, z. B. als Mentor, sichert die Erhaltung von Wissen und stellt gelebte Generativität dar, die uns in vielen Fällen während des Berufslebens verweigert wurde. Sich aktiv dem selbstbestimmten Lernen hingeben, ist ein wichtiger Unterpfand für die gesellschaftliche Teilhabe auch nach dem Beruf und wird belohnt
durch Akzeptanz und Wertschätzung.

Neue Gruppenzugehörigkeiten durch Lernen begründen
Wenn wir Neues lernen, dann geschieht das meist im Verbund mit anderen Menschen, mit denen wir kommunizieren und zu denen wir u. U. auch enge Beziehungen aufbauen. Gleichzeitig erhöht sich mit jedem Wissenshappen, den wir uns einverleiben, die Verbundenheit zu einer gleichgesinnten Gruppe von Menschen. Wir fühlen uns dann in eine neue Rolle hinein versetzt und erweitern durch die Integration in ein neues Gruppensystem unsere Identität um weitere wertvolle Facetten.

Grafik: Wolfgang Schiele

Nach-Lernen als späte Genugtuung
Vielleicht wurden wir früher auf Weiterbildungen delegiert und auf Veranstaltungen geschickt, die nicht wirklich unserem Interesse entsprachen. Sie haben womöglich die Statistik der Personaler und der Abteilung verschönert. Aber uns persönlich nicht motivieren können. Wenn wir postberuflich nun unser wirkliches Potenzial stärken und uns das aneignen, wozu wir nicht entsandt wurden, dann ist das eine späte Art der persönlichen „Lernvergeltung“. Diese Art von später Genugtuung schadet niemandem – sie ist Ausdruck der Selbstoptimierung im Alter.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2021 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de