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Das fragte ich mich, als ich über meine Trainerzukunft nachdachte. Ist es sinnvoll, sich neues know-how anzueignen, sich mit bisher nicht bekannten technischen Hilfsmitteln anzufreunden, eine spezielle E-Marketingstrategie zu entwickeln und die Lerninhalte an die neuen Medien anzupassen?

Bisherige Überzeugungen
Grundsätzlich: Bis Anfang 2019 war ich überzeugt davon, dass man Seminare, Coachings und vor allem Workshops, in denen es um Kommunikation, Veränderung, Lebensphasenwechsel u. ä. geht, nicht über eine platte, zweidimensionale Bildschirmoberfläche machen kann und sollte. Wie sie auch immer heißen: Online-Events, Webinare, Web-Seminare oder Live-Online-Workshops – für mich hatte bisher immer der persönliche, dreidimensionale Kontakt mit und zwischen den Teilnehmern absoluten Vorrang.

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Nur Vorteile erwähnt, Nachteile unterschlagen
Die Anbieter von Online-Seminaren unterschlugen meines Erachtens eine Reihe von Argumenten, die gegen digital-elektronische Events sprachen. Immer nur standen im Vordergrund die hohe Anzahl der erreichbaren Teilnehmer, die geringen Kosten für die Veranstaltungen, Zeit- und Energieersparnis, die Automatisierbarkeit von Webinaren (Stichwort: zu jeder Zeit an jedem Ort fast aufwandfrei reproduzierbar). Die Pro-Argumente überschlugen sich regelrecht. Nachteile wurden keine erwähnt.

Ausbildung zum Online-Trainer
Im Jahre 2018 entschloss ich mich eine Online-Trainer-Ausbildung zu absolvieren. Nach kurzer Zeit fand ich ein Institut in Dresden, das mir zusagte und im Winter/Frühjahr 2019 ging es los. Ich lernte den Umgang mit der Veranstaltungsplattform zoom kennen, erhielt wertvolle Hinweise zur Konzeption und Strukturierung von Online-Events und erfuhr so manch wertvollen Kniff für eine abwechslungsreiche Gestaltung eines Online-Events. Dazu kam ein Diskurs durch die Untiefen des Online-Marketings, die mir aktuell und im Detail allerdings einige technische und zeitliche Probleme bereiten …

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Treibende Kräfte für Online-Events
Auch wenn ich die komplette Entwicklung des Online-Marketings nicht zurückverfolgt habe, so stelle ich immer wieder fest, dass die treibenden Kräfte aus dem klassischen Vertrieb hervorgegangen sind. Die Verlockung war groß, mit einmal gesammelten (und oftmals freiwillig überlassenen) Daten fokussiert, zeitgleich und immer wieder reproduzierbar einen stagnierenden Verkauf anzukurbeln. Und die technischen Möglichkeiten entwickelten sich rasant. Es dauerte nicht lange, da wurde auch die Idee geboren, Weiterbildung und Wissensaneignung über das Massenmedium Internet zu vertreiben. Plötzlich wurden E-Learning, web- und computerbasierte Lernformen, Videolernkonferenzen, der virtual classroom und viele weiteren Formen als d i e Lehrmedien der Zukunft angepriesen. U. a. auch für die Coachingszene. An vorderster Werbefront dafür standen aber nicht etwa Trainer, Coaches und Businessconsulter, sondern Programmierer, IT-Dienstleister, Wirtschaftsingenieure, die den in ihrer analogen Welt „nachhinkenden Beratern“ die Nutzung der Onlineinstrumente sehr nachdrücklich ans Herz legten. Ohne genauer hinzusehen, was qualifiziertes Coaching und Training bedeuten und wo die Grenzen von beidem im digitalen Umgang mit Menschen lagen.

Also hieß es vergleichen und analysieren, was technisch, menschlich und didaktisch anders sein wird in der Welt des digitalen Trainings und Coachings. Wo nun liegen die wichtigsten Unterschiede und Defizite? Wiegen die o. g. Vorteile wirklich die umfangreichen Nachteile auf, die ich in loser Reihenfolge hier aufführe?

  1. Man trifft sich vor einem platten Bildschirm. Die 3-D-Effekte sind so gut wie weg. Der Raum wird zur Fläche, der Ausschnitt der uns umgebenden Wirklichkeit schrumpft auf einen Bruchteil des natürlichen Sichtfeldes zusammen. Peripheres Sehen ist nicht möglich. Wir werden zwangsweise fokussiert auf ein Gesicht, einen Gegenstand, einen Vorgang, ohne ihm wirklich entfliehen zu können. Wir sind visuell massiv eingeschränkt. Automatisch nimmt die Müdigkeit zu, da wir auf eine kleinen Bildausschnitt fixiert sind und den Augen keine Weitenentspannung anbieten können (es sei denn wir verlassen visuell oder körperlich den „Seminarraum“).
  2. Das unmittelbare Gemeinschaftserleben, die sozial fühlbare, die menschliche Nähe, die aus den Teilnehmern erst ein Team machen kann, fehlt. Die Übungen verlaufen, bis auf wenige Ausnahmen, ohne nonverbalen Kontakt der Teilnehmer untereinander. Der Lerneffekt aus gegenseitigem Beobachten, Kopieren und Ausprobieren geht weitestgehend verloren – wir nehmen sehr wenig Anteil an den Erfolgen und Lernchancen der übrigen Teilnehmer. Kommunikation erfolgt nur über kleine digitale Fenster im Dialog zwischen Trainer und Teilnehmer oder einzelnen Teilnehmern untereinander.
  3. Haptiker, Menschen, die Dinge anfassen müssen, um einen hohen Lerneffekt zu erzielen, haben es schwer. Sie sehen Dinge nur auf einer zweidimensionalen Fläche. Die Körperlichkeit, das Begreifen von Lerninhalten (im doppelten Sinne), fehlt.
  4. Insbesondere bei praktischen Übungen in Kleingruppen oder im Plenum ist das gemeinsame Erarbeiten einer Lösungsstrategie, die Übungshandlung an sich und die Freude über kollektiv erzielte Erfolge deutlich erschwert; auch, weil nicht alle Wahrnehmungskanäle zur Verfügung stehen.
  5. Gruppenübungen, „Munterbrechungen“ (wie Harald Groß es nennt), Entspannungspausen, werden dem gemeinsamen Erleben entzogen. Im Online-Seminar fehlt die Möglichkeit eines „berührenden“ (und natürlich sozialadäquaten!) Miteinanders. Jeder ist auf sich allein gestellt; mögliche Fehler im Übungsablauf können live so gut wie nicht korrigiert werden. Der Spaßeffekt bleibt weitgehend ein Individualerlebnis.
  6. Im Präsenzseminar erfolgt die Teilnehmerkommunikation zu 50 und mehr Prozent in den Pausen, den Teeküchen, den Lobbies der Veranstalter. Darin werden weitaus persönlichere und festere Verbindungen geknüpft, als vor dem Bildschirm. Auch, weil die Übertragung im Webinar während der Pausen entweder abgeschaltet ist oder jeder „seine eigene (analoge) Teeküche“ besucht.
  7. Je älter die Teilnehmer, desto zurückhaltender die Begeisterung für ein Online-Meeting. Weil viele ängstlich sind im Umgang mit der meist unbekannten Konferenzsoftware und unter dem Druck stehen, etwas falsch zu machen.
  8. Für den Webinarleiter ist es am Bildschirm verhältnismäßig schwierig, anhand fehlender emotionaler und nonverbaler Reaktionen festzustellen, ob die Teilnehmer die Lerninhalte richtig verstanden haben, ob noch offene Fragen bestehen (nicht jeder traut sich selbst nachzuhaken) und/oder ob sich der Lernerfolg tatsächlich eingestellt hat.
  9. Dem Berater fehlt im Online-Event das unmittelbare Feedback der Teilnehmer zu seinen Methodiken, zur wohlgeratenen zeitlichen Einteilung der Sitzung und zur allgemeinen Akzeptanz seiner Person an sich. (Später erbetene Bewertungen sind oft weniger objektiv und dienen eher der Werbung für den Webinarleiter.)
  10. Im Präsenzseminar kann ein erfahrener Trainer oder Coach sehr gut die einzelnen Phasen dynamischer Gruppenentwicklung erkennen, da er das „big picture“ als Panoramabild erfassen kann. Im Webinar fehlt ihm der übergreifende Metablick. Die gruppendynamischen Entwicklungsphasen sind nur schwer identifizierbar und die Parteienbildung entzieht sich weitgehend seinem Auge.
  11. Der größte Heilungseffekt entsteht in Psychotherapien nachweislich durch das menschliche Verhältnis zwischen dem Patienten und dem Therapeuten, auch „therapeutische Allianz“ genannt. Die Begegnung auf Augenhöhe, die beiderseitige Anerkenntnis einer gemeinsamen Arbeitsvereinbarung sind auch im Coaching und Training Voraussetzung für erfolgreiche Interventionen und Lerntransfers. Diese kommen jedoch am besten in der komplexen Realität des unmittelbaren menschlichen Umgangs zustande, und eher nicht an einem Bildschirm.
  12. Wenn Online-Seminare zur Vermittlung kognitiver Inhalte recht gut taugen und teilweise die Konditionierung der Lernenden unterstützen, so gibt es beim Lernen durch Emotionen erhebliche Defizite, weil das individuelle, aber mehr noch das kollektive Gefühlserleben, naturgemäß außen vor bleibt.
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Blended Learning – das Mittel der Wahl?
Nach aktuellem Stand nutzen bisher nur sehr wenige Coaches und Trainer die Möglichkeiten des E-Learnings. Die Zahlen liegen im unteren zweistelligen Prozentbereich, qwenn überhaupt. Ein gewisser Druck wird allerdings vom Markt erzeugt, weil Unternehmen verstanden haben, dass Wissenvermittlung am Schirm, in großen Gruppen und zeitlich flexibel angeboten (Stichwort: asynchrones Lernen) zu einer spürbaren Kostensenkung in der Fortbildung führen kann. Was beim reinen Wissenstransfer noch weitgehend klappen mag – die Vermittlung von Zahlen-Daten-Fakten – erweist sich bei der Neukonzeption von betrieblichen Abläufen, in Transformationsprozessen, bei der Teambildung, in der Kommunikationsverbesserung und bei der Verhaltensänderung, um nur einige zu nennen, dann doch als nicht wirklich zielführend am Bildschirm. Um nicht gleich die komplette digitale Unterstützung zurückzunehmen, suchte man nach einem Ausweg – und nannte ihn „Blended Learning“: das integrierte Lernen – eine Mischung aus Präsenz- und Online-Event. Ich halte es für eine Notlösung, weil die vormals didaktisch klug aufgebauten Trainingsabläufe, die für Abwechslung, Gruppenerlebnisse und durchgängig-persönlichen Austausch sorgten, nun regelrecht zerhackstückt werden: In einen reinen Wissensvermittlungblock und einen Block für kommunikativen Austausch und gemeinsame Lernerfolge. Wohlgeformte lerntheoretische Zusammenhänge, „Aha-Effekte“ im Ergebnis unmittelbaren Handelns und Erlebens mit Gleichgesinnten, die Vielfalt authentischer Wahrnehmungen und Emotionen (und noch vieles mehr) gehen hier unter. Integrativ gelebtes Training und Coaching geht anders und besteht aus einem durchgängig strukturiertem, didaktisch kompakten Lehrblock, und nicht aus vielen analogen und digitalen Elementen.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße Ihr

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de