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Es gibt kaum etwas, was der Mensch in unserer westlich geprägten Hemisphäre so liebt, wie seine individuelle Freiheit. Wird sie ihm genommen, so setzt sein Streben zurück in dieselbe ungeahnte Kräfte frei. Ähnlich verhält es sich mit der Zugehörigkeit: Wir alle möchten nicht nur bestimmten Gruppen von Menschen angehören – wir wollen auch mit ihnen zusammen sein. Es zieht uns hin zu den Lieben, zur Sportgemeinschaft, in den Verein. Und manchmal fehlen uns sogar unsere ärgsten Feinde. Eingesperrt und isoliert sein ist nicht des Menschen Ding.

Wir sind nicht mehr Herr im Hause: Weder in unserem Kopf noch in unserer materiellen Welt. Wir wurden als Geiseln genommen von den kleinsten organischen Strukturen, denen wir sogar den Status eines Lebewesens aberkennen. Und doch diktieren sie sozial hochentwickelten Kreaturen ein Verhalten wie in Gefangenschaft. Weil wir uns sozialisiert haben und uns Gesetzen außerhalb der Natur unterworfen haben. Die relative Untätigkeit, zu der wir momentan verdammt sind, erklärt u. a. die Hamsterkäufe und Panikmache in den sozialen Netzwerken. Angst, eine uns schützende Grundemotion, treibt uns in einen sinnlos scheinenden Aktionismus. Sie ist an unser limbisches System geknüpft, das unser Triebverhalten steuert sowie schnell und effektiv unser Überleben sichern will. Der Verstand ist in dieser Konstallation abgeschalten; Appelle an die Vernunft verpuffen wirkungslos. ein katastrophierendes Gehirn kann man nicht wirklich beruhigen …

Ich fürchte, dass es über kurz oder lang zu Ausbruchversuchen kommen wird. Was sich nach anfänglicher Einsicht – und bisher sanftem Druck durch den Staat – eingependelt hat, kann sich in nur wenigen Wochen der Zwangsisolation unkontrollierbar entladen. Ich denke, dass die Ausnahmesituation, hält sie denn länger an, zu zwei unterschiedlichen Extremen führen wird: Ein Teil der Bevölkerung wird ins Freie, in die Freiheit zu strömen versuchen, ein anderer Teil wird sich depressiv und apathisch noch tiefer in ihr Schneckenhaus verkriechen. Das eine wird zu ernsthaften Zusammenstößen mit der Staatsgewalt führen, das andere zu seelischen Störungen unbekannten Ausmaßes.

Wenn man zurückschaut, dann haben wir etwa 70 Jahre lang in einem Gleichgewicht der Kräfte gelebt. Eine zeitlang war gegenseitige Abschreckung ein Garant für den globalen Frieden. Darauf folgten Jahrzehnte, in denen wir sorglos, gut behütet durch Vater Staat und mit idealen Vorstellungen über das Funktionieren unserer Welt durchs Leben gingen. Große Katastrophen haben wir nicht erlebt und nur ausnahmsweise aus der Ferne wahrgenommen. Wir wähnten uns in einem heilen Umfeld der unbedingten Sicherheit und wurden durch das Agieren der Politik ständig darin bestärkt, dass dieser Zustand sich nur noch verbessern könne. Wachstum war das Zauberwort für einen sich über den gesamten Erdball verbreitenden grenzenlosen, wenn auch differenzierten Wohlstand. Der gierige Kapitalismus kannte nur eine Richtung: MEHR VON ALLEDEM. Demut vor der Schöpfung und Ehrfurcht vor der Natur – nur leere Worthülsen. Nun droht Wunderland abzubrennen. Und der Wohlstand zu versiegen. Und sich unsere Lebensweise radikal zu verändern. Nun werden wir konfrontiert mit einer Welt der Gefahren – ein Szenario, das wir bewusst und äußerst erfolgreich ausgeblendet hatten – nach der Methode der drei Affen. Das Leben nach Corona – so viel erscheint mir sicher – wird nicht mehr so sein, wie bisher.

Säulen der Resilienz – Grafik: Wolfgang Schiele

Die psychologische Forschung sagt, dass Menschen, die über eine höhere Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress) verfügen, Krisen und Katastrophen besser überstehen und dann wieder schnell zur Normalität zurückkehren können. Leider brechen uns wichtige Säulen der Resilienz, wie die situative Kontrolle und die individuelle Selbstwirksamkeit gerade weg. Unser Zukunftsoptimismus ist schwer angeschlagen und die auf unmittelbarem Kontakt beruhende Netzwerkpflege ist unterbrochen. Was wir brauchen in dieser Zeit sind Sicherheit, gegenseitige Fürsorge und vor allem ein hoher Level an Selbstwert. Um diesen zu stärken ist es u. a. sinnvoll, kräftigende, lebensbejahende Sätze, sogenannte Affirmationen, für sich selbst, die Liebsten und unsere Freunde, zu finden. Dr. Michael Bohne, bei dem ich eine Ausbildung in Prozess- und embodimentfokussierter Psychologie – kurz PEP® – absolviert habe, hat in Zusammenarbeit mit Sabine Ebersberger dankenswerter Weise kurzfristig ein Kartenset dafür entwickelt. Es steht zur freien Verfügung und darf für nichtkommerzielle Zwecke auch weitergegeben werden (Creative Commons Lizenz BY NC SA).

Wie man mit dem Kartenset umgeht, ist ausführlich beschrieben. Finden Sie für sich einen oder mehrere stärkende Affirmationen durch die Kombination aus den Kärtchen für „INNEN“ und „LEBEN“. Was nicht fehlen sollte bei der Übung mit den Karten sind der Glaube an ihre Selbstwirksamkeit. Auch ein Quentchen humorvoller Trotz, z. B. beim lauten Vorlesen, sollte nicht fehlen.

Ich würde mich freuen, Ihre Reaktionen und Kommentare zu den Kärtchen, aber auch zu Ihren Gedanken und Gefühlen, hier im Blog zu lesen.

PS in eigener Sache als (Vor-)Ruhestandscoach: Vielleicht ist die erzwungene Isolation ein gutes „Vor-Training“ für das Alter. Einige Menschen bemerken nämlich erst im Ruhestand, dass sie auf so viel Freiheit und Freizeit gar nicht vorbereitet sind. Es macht also Sinn, sich schon jetzt übungshalber (neue) Dinge vorzunehmen und Zukunftspläne zu entwerfen, um die Jetzt- und Danachzeit mit sinnvoller, erfüllender Tätigkeit zu füllen.

Vielen Dank für Ihr/Euer Interesse, Gesundheit und beste Wünsche

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für Senioren