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Freiheit ist ursprünglich keine regulative Idee. Freiheit ist eine natürliche Gabe – sie wurde uns als Individuen von der Schöpfung mitgegeben. Und nicht als Habe oder als Besitztum durch eine Rechtsordnung. Mit der Entstehung von Gesellschaftssystemen wurde die elementar-biologische Freiheit des Einzelnen immer wieder durch soziale und moralische Vorschriften der Mehrheiten eingeschränkt, damit sich stabile Mehrpersonensysteme überhaupt entwickeln konnten. Zum einen, um das Individuum in seiner archaischen und egoistischen Ausprägung zu zügeln. Zum anderen, um die Gruppe vor ihm zu schützen und gleichzeitig ihr Überleben als Ganzes zu garantieren. Gerade weil dem Einzelnen Freiheitsbeschneidungen auferlegt wurden, konnte er sich im Ernstfall auf die Schutzwirkung der Gemeinschaft verlassen. Der partielle individuelle Freiheitsverzicht wurde zum Baustein für die Gruppensicherheit, in der der Einzelne überleben konnte und das Ganze sich entfalten durfte. Oder anders gesagt: Das Individuum musste einen Teil seiner persönlichen Freiheit abtreten, um einen Teil des vereinten Gruppenschutzes zu erhalten.

Schon Jesus stellte uns vor die Wahl: „Wollt ihr frei und unbehütet leben, oder behütet und unfrei?“ Und solange wir eine Wahl zwischen mindestens zwei Alternativen treffen können, verfügen wir über einen gewissen Grad von Freiheit. Wir wissen, wofür sich die Europa prägenden beiden Gesellschaftssysteme jeweils entschieden hatten: Der Kapitalismus für den ersten und der Kommunismus für den zweiten Halbsatz. Aus der distanzierten Draufsicht auf diese beide Wahlmöglichkeiten kann man für beide Herrschaftsformen jeweils bestimmte Vor- und Nachteile ableiten. Betroffene, die in beiden Ordnungen gelebt haben und noch leben, haben den Vorteil, die praktisch gemachten Erfahrungen und gewonnenen Erkenntnisse für sich präziser und objektiver abzuwägen. In dem Maße, wie man nach dem fürsorglichen, schützenden und vermeintlich selbstlosen Staat strebt, muss man auch mehr Zumutungen und Restriktionen bezüglich der eigenen Freiheit durch denselben in Kauf nehmen. In Notsituationen wird es regelmäßig so sein, dass sich die Mehrheit der Individuen sogar freiwillig zurücknimmt, um unter den Weisheitsschirm der behütenden Institutionen zu schlüpfen. Im Gegenzug ist in einer von friedlichen und harmonischen Umständen geprägten Welt zu erwarten, dass immer mehr individuelle Freiheit von den Mehrheiten eingefordert wird. Und so atmet die eingangs erwähnte christliche Aussage zwischen den Polen. Schwierig wird es immer dann, wenn der Übergang von Friedens- in Krisenzeiten zu abrupt und schwer nachvollziehbar erfolgt. Wer sich in seiner Komfortzone eingerichtet und – weil`s so schön ist! – sogar verschanzt hat, sieht so schnell keine Notwendigkeit, die gewonnenen Freiheiten wieder abzutreten. Er sieht kein Erfordernis für eine Veränderung, wird sich widersetzen und seinen Egoismus ausleben wollen. Dazu werden alle Register einer Verteidigungsstrategie gezogen, vernünftig erscheinende und irrationale, wie: Leugnung, Verleumdung, Lüge, Protest, offener Widerstand. Doch hier darf sich die Mehrheit nicht von der Minderheit bestimmen lassen.

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Freiheit ist die Option, ohne Zwang und externen Druck unter mindestens zwei Möglichkeiten frei zu wählen. Das versteht man unter der Ungebundenheit und Autarkie des Subjekts – zumindest in einer demokratische Gesellschaft, wie wir sie aktuell in Deutschland vorfinden. Wird jedoch eine der Möglichkeiten obsolet, und bedroht sie die freiheitsgebenden und liberal-verwaltenden Institutionen, so verwirken die Subjekte ihren Anspruch auf die Souveränität der eigenen Person. Im Zweifel sogar ihr Recht auf Unterschlupf in der sich schützenden Mehrheitsgruppe, die das gesamtgesellschaftliche System als solches nicht gefährden darf.

Was uns weitgehend abhanden gekommen ist in einer Gesellschaft, in der bis auf wenige Ausnahmen Harmonie und Glückseligkeit, Wohlstand und Naivität herrschten, ist die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen für die Sicherheit der Schutzbefohlenen und den Frieden des Großen und Ganzen. Denn Freiheit ist ohne gleichzeitige Verantwortung eine hinkende Gestalt. Verantwortung ist eine wichtige Voraussetzung für die Gestaltung und die Reichweite von Freiheiten. Der hohe Grad der Entkollektivierung, die extreme Ausweitung der Individualrechte und die massive und inkonsistente Vereinzelung der Lebenswelten hat uns allerdings weit entfernt von dem Verständnis, dass es gerade die Politik und der Rechtsstaat sind, die uns zur Individualgesellschaft haben werden lassen. Das, was uns frei macht, wird in Problemsituationen und Krisenzeiten angeprangert. Der Schüler lehnt sich gegen seinen Lehrer auf, die Revolution frisst ihre Kinder. Oder umgekehrt: Der Staat nimmt seine Bürger nicht mehr in die Pflicht und übernimmt die alleinige Verantwortung. Es ist die Absurdität der Ereignisse, dass die quasistaatliche Befreiung der einzelnen Menschen von der Verantwortung für das gesamtgesellschaftliche System nun das Gegenteil von dem bewirkt, was wir dringend brauchen: den inneren Frieden …

PS: Diesen Beitrag habe ich Anfang Januar 2022 begonnen und ich wollte ihn eigentlich weiterführen. Er entstand unter dem Eindruck der Diskussionen zur Impfpflicht, zur Einschränkung von Freiheiten infolge der Pandemie. Ich habe mich jedoch entschlossen, ihn genau so zu belassen. Heute, in Zeiten eines Krieges in Europa, bekommt er nochmal eine wichtige zusätzliche Bedeutung. Deshalb veröffentliche ich ihn heute.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2022 | Coaching50plus | http://www.coachingfiftyplus.de