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Vor vielen Jahren, als ich noch heftig unterwegs war im Land, habe ich auf dem einen oder anderen Bahnhof meine Wartezeiten in Douglasgeschäften zu verkürzen versucht. Dabei stieß ich auf einen Herrenduft, der mich in seinen betörenden und unwiderstehlichen Bann zog. Für mich ein Wohlgeruch ohnegleichen – aber auch mit einem Preis ohnegleichen! Ich widerstand der Versuchung eines Kaufes eben wegen dieses exorbitanten Preis – immer in der Hoffnung, dass der Produzent oder Händler mit der Zeit den Preis nachließe …

Wunscherfüllung Ja oder Nein
Mir war gar nicht klar, wo ich dieses Aushalten, dieses persönliche Zurücknehmen, diese Enthaltsamkeit gelernt haben könnte. Denn als Einzelkind war ich es seit meiner Kindheit gewohnt, Wünsche regelmäßig erfüllt zu bekommen, sofern meine Eltern finanziell dazu in der Lage waren. In der Tat haben Eltern – auch wenn sie über die Möglichkeit sofortiger kindlicher Wunscherfüllung verfügen – zwei grundsätzliche Optionen: entweder sie lassen sich widerstandslos auf das kindliche Begehren ein oder sie bleiben hart und enttäuschen die Erwartungshaltung. Fast immer ist ihnen bewusst, dass sie es mit einer frühen Form infantiler Rebellion zu tun haben. Sie wissen, dass Kinder ihre Grenzen austesten, ihren Willen durchsetzen und damit zum ersten Mal Macht über ihre Eltern ausüben wollen. Die Befriedigung der Wünsche sollten Eltern sehr genau abwägen, aber dann sehr bestimmt umsetzen: entweder klar und unumkehrbar NEIN sagen oder konsequent zum JA stehen.

Folgen aus veruntreuten Sehnsüchten
Wenn Eltern Kindern alles erfüllen, um vielleicht ihre Ruhe zu haben, nehmen sie in Kauf, dass die Kinder später immer und immer wieder mit sofortiger Einlassung und Wunscherfüllung rechnen. Funktioniert das im späteren Leben nicht, dann sind sie maßlos enttäuscht, werden aggressiv und widersetzen sich womöglich ihren Verweigerern. Bescheidenheit im Leben kann so nicht entstehen. Haben Kinder aber gelernt, dass sie nicht alles sofort erhalten können, dann lernen sie mit Frustrationen umzugehen und ihr Verständnis und ihre Toleranz zur Verweigerungshaltung anderer wird wachsen. Im Extremfall allrdings, wenn kindliche Sehnsüchte regelmäßig ignoriert oder gar abgestraft werden, kann es zu einem Gefühl eigener Wertlosigkeit, Hilflosigkeit und Zurücksetzung führen.

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Wo die F-Toleranz hilfreich sein kann
Im wahren Leben entfaltet eine hohe Frustrationstoleranz positive Wirkkraft in vielen Lebensbereichen.

* Sportler, die einem vergebenen Sieg nicht nachtrauern, verwinden eine Niederlage besser und motivieren sich schneller für ein härteres Training und neue Leistungsziele.

* In Partnerschaften, in denen sich ein Gefährte zugunsten der Wünsche des anderen zurücknimmt, werden die Gemeinschaft und die Wertschätzung zueinander gestärkt.

* Die Gesellschaft benötigt bei Wahlen ein gewisses Maß Frustrationstoleranz, um wahre Demokratie zu leben. Wer nicht gewinnt, kann als Politiker in der Opposition für das notwendige Korrektiv zu den Vorstellungen der nun Regierenden sorgen und seinen Frust im harten, aber fairen Wettstreit mit dem politischen Gegner abbauen.

* Wer sich im Beruf durch die Kritik und die Bedenken seiner Vorgesetzten nicht immer gleich auf den Schlips getreten fühlt, geht ausgeglichener durchs Leben und kann den Feierabend auch nach einem fachlichen Streit noch genießen.

* Wer auch nach der x-ten abgelehnten Bewerbung für seinen Traumjob nicht die Flinte ins Korn wirft und z. B. seinen Bewerbungshorizont erweitert, wird trotz aller Rückschläge nicht an seinen Fähigkeiten und seiner reifen Persönlichkeit zweifeln.

* Auch Süchte entwickeln sich oft im Schatten von geringer Frustrationstoleranz. Ein hohes Maß an Selbstverweigerung von Alkohol dagegen kann zu kontrolliertem Trinken führen. Im Zusammenhang mit einem Entzug ist es sogar außerordentlich förderlich auf dem Weg zu endgültiger Abstinenz.

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Resilienz als Frustabbauhilfe
Und so gibt es eine lange Reihe weiterer Gebiete, in denen eine ausgeprägte Frustrationstoleranz von Vorteil ist. Wie kommt man nun zu einem höheren Level an Robustheit, Immunität und Zähigkeit im Umgang mit unerfüllten Wünschen, falschen oder zu hochgesteckten Erwartungen und unterdrückten Sehnsüchten? Antworten gibt hier u. a. die Resilienzforschung. Aus den verschiedenen Säulen und Haltungen der Resilienz (= psychische Widerstandskraft gegen Stress, Traumata und andere Wechselfälle des Lebens) ragen folgende hervor:

1. Der gesunde Optimismus – die Urüberzeugung, dass sich die gegenwärtige unbefriedigende Situation aus der langen Lebenserfahrung heraus auch wieder bessern und zu den eigenen Gunsten (ver)ändern wird.

2. Die Akzeptanz: Seine eigenen Kompetenzgrenzen anzuerkennen, aber auch innerhalb derer selbst aktiv zu werden. Zu akzeptieren, was geht und was nicht. Wie sagte doch Reinhold Niebuhr, der US-amerkanische Theologe: „Gott, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

3. Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit: Das Schlimmste, was Menschen passieren kann, ist, die Kontrolle über sich und die Umgebung zu verlieren. Doch wir können Einfluss nehmen auf das, was um uns herum geschieht und – hier kommt die positive Botschaft – uns selbst wandeln. Love it, leave it or change it (und ich ergänze hier noch: accept it – siehe 2.). Wir können es mögen, seinlassen oder verändern – haben also allzeit die eigene Wahl. Das Urvertrauen auf unsere eigene, innere Kraft zum Handeln.

4. Rollo May, ein US-amerikanischer Psychiater, meinte zum Thema Impulskontrolle: „Wir sind erst dann wirklich frei, wenn wir zwischen Reiz und Reaktion einen Moment innehalten und dann über unsere Reaktion selbst entscheiden.“ – Also einen Moment des Nachdenkens einschieben und dann ohne emotionalen Druck eine verstandesgestützte Entscheidung treffen. Unsere Eltern sagten früher: „Schlaf mal drüber, morgen sieht die Welt wieder anders aus.“

5. Lösungsorientierung: Viel zu oft bleiben wir am Problem kleben. Manche bewundern es sogar. Aber so finden wir keinen Ausweg. Der Dalai Lama sagt: „Willst du ein Problem lösen, so löse dich vom Problem.“ Und halte nach Lösungen Ausschau – möchte ich ergänzen. Und wenn wir allein keine Lösungsansätze finden: Wer hindert uns, gute Freunde zu konsultieren und um Rat zu fragen?

Was uns helfen kann …
Trainieren Sie Beharrlichkeit und Ausdauer und akzeptieren Sie „Ehrenrunden“ beim Erreichen von Zielen und Sehnsüchten. Reduzieren Sie ggf. zu hohe, an sich selbst gestellte Erwartungen. Bleiben Sie realistisch in der Einschätzung Ihrer Fähigkeiten, aber testen Sie sie bis an ihre Grenzen aus. Sich unangenehmen Situationen auszusetzen und an ihnen zu wachsen – das ist der Königsweg zu einem hohen Maß an Frustrationstoleranz. Und nicht zuletzt für die Stärkung des eigenen Selbstwertes.

Schleife schließen!
Ach ja: Eine Antwort fehlt ja noch – die auf die Frage nach dem Duftkauf bei einem namhaften Parfümverkäufer vom Anfang des Beitrages:

… und irgendwann – einige Jahre waren inzwischen ins Land gegangen – kam dann der Moment der Entscheidung: Ich legte entsprechend viele Scheine auf die Ladentheke – und nahm die günstigste Abfüllgröße in Empfang. Es war wie ein Festtag für mich, endlich das Odeur meiner langgehegten Träume in Händen zu halten und mich intensiv seinem Buquet hinzugeben. – Ich glaube, so gespannt und langanhaltend habe ich noch nie Frust verdrängen können. Der sinnlichen Faszination zu trotzen, die immense innere Spannung auszuhalten und der sehnsuchtsvollen Begierde nicht nachzugeben – das war schon eine gehörige Lebensleistung in Sachen Frustrationstoleranz für mich!

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de