Nach langer Zeit habe ich sie wiedergefunden – die wunderbare Lehrgeschichte, die Alexa Mohl in ihrem Werk „Metaphern-Lernbuch“ von 1998 niedergeschrieben hat. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, wie man anhand der Neurologischen Ebenen von Robert Dilts Problemlösungen angehen kann, die oftmals auch zu Verhaltensänderungen führen. Die Hauptfigur, ein Kaufmann, wird auf dem „Hinweg“ über die verschiedenen Ebenen (Verhalten, Fähigkeiten, Werte, Identität und Sinn) erst nach oben geführt, um dann – ausgehend vom WOZU in dieser Welt – bei seinem Abstieg selbst zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Die weisen Männer

Es war einmal ein  reicher Kaufmann, der hatte eine Frau, die konnte ihm nichts recht machen. So ermahnte er sie, dann schalt er sie, und es verging nicht viel Zeit, so stritt er jeden Tag mit ihr. Aber da er sie liebte, wollte er sie nicht wegschicken.

Da beschloss er eines Abends, die weisen Männer der Stadt zu befragen, ob sie nicht Rat wüssten. Und er machte sich auf den Weg. Nachdem er dem ersten sein Problem geschildert hatte, fragte der Weise: „Was tust Du?“ Der Kaufmann war überrascht, denn er hatte einen Rat erwartet. Aber er antwortete dem Weisen: „Ich sehe und höre, dass sie im Haus nicht tut, was sie soll. Das sage ich ihr. Sie aber will es nicht einsehen, und darüber werde ich zornig.“ Nach dieser Antwort hieß der Weise ihn gehen.

Der Kaufmann war enttäuscht und machte sich auf den Weg, einen anderen um Rat zu fragen. Nachdem er diesem sein Problem geschildert hatte, fragte der Weise: „Was kannst Du?“ Der Kaufmann war wieder überrascht, denn er hatte einen Rat erwartet. Aber er antwortete: „Ich weiß, welche Pflichten eine Frau Ihrem Manne schuldig ist, und ich kann sie einklagen.“ Nach dieser Antwort ließ der Weise ihn gehen.

Der Kaufmann war wieder enttäuscht und machte sich auf den Weg, einen Dritten um Rat zu fragen. Nachdem er diesem sein Problem geschildert hatte, fragte der Weise: „Was bringt dich dazu, ein solches Verhalten zu zeigen?“ Der Kaufmann war wieder überrascht, denn er hatte einen Rat erwartet. Aber er antwortete: „Es ist mir wichtig, dass meine Frau ihre Pflichten erfüllt, damit sie geachtet wird.“ Nach dieser Antwort ließ der Weise ihn gehen.

Der Kaufmann war wieder enttäuscht und machte sich auf den Weg, einen vierten um Rat zu fragen. Nachdem er diesem sein Problem geschildert hatte, fragte der Weise: „Was für ein Mann bist du?“ Der Kaufmann war wieder überrascht, denn er hatte einen Rat erwartet. Aber er antwortete: „Ich bin ein ehrenhafter und geachteter Mann.“ Nach dieser Antwort hieß der Weise ihn gehen.

Der Kaufmann war abermals enttäuscht und machte sich auf den Weg, einen letzten um Rat zu fragen. Nachdem er diesem sein Problem geschildert hatte, fragte der Weise: „Welchem größeren Ganzen gehörst Du an?“ Der Kaufmann war wieder überrascht, denn er hatte einen Rat erwartet. Aber er antwortete: „Ich bin wie alle anderen Geschöpfe unter der Sonne ein Kind Gottes, der mir in seiner unendlichen Liebe das Leben schenkte, auf dass ich ihn preise.“

Nach dieser Antwort glaubte der Kaufmann, der Weise würde ihn gehen heißen, wie die anderen ihn gehen geheißen hatten. Der aber fragte weiter: „Welches Gefühl hast du in deiner Brust, wenn du an die Liebe deines Gottes denkst?“ Der Kaufmann dachte an die Liebe Gottes, und diese Liebe breitete sich in ihm aus, so dass er ganz davon durchdrungen war. Da legte der Weise seine Hand auf seine Stirn, segnete ihn und hieß ihn gehen.

Auf dem Wege zu seinem Hause begegnete ihm der vierte Weise und sprach ihn an: „Ich sehe, dass etwas dich verändert hat. Wer bist du jetzt?“ Der Kaufmann war überrascht von den Worten des Weisen, aber er fühlte ihre Wahrheit und antwortete: „Ich bin durch die Liebe Gottes ein zur Liebe fähiger Mensch.“ Der Weise nickte, grüßte und ging seines Weges.

Da begegnete ihm auf dem Wege zu seinem Hause der dritte Weise und sprach ihn an: „Ich sehe, dass etwas dich verändert hat. Was ist dir jetzt wichtig?“ Der Kaufmann war wieder überrascht von den Worten des Weisen, aber er fühlte ihre Wahrheit und antwortete: „Es ist mir wichtig, dass ich meine Frau liebe und achte.“ Der Weise nickte, grüßte und ging seines Weges.

Da begegnete ihm auf dem Wege zu seinem Hause der zweite Weise und sprach ihn an: „Ich sehe, dass etwas dich verändert hat. Was kannst Du jetzt?“ Der Kaufmann hörte die Worte des Weisen und fühlte ihre Wahrheit und antwortete: „Ich kann die Wünsche meiner Frau verstehen und sie lieben, wie Gott sie geschaffen hat.“ Und auch dieser Weise nickte, grüßte und ging seines Weges.

Da begegnete ihm auf dem Wege zu seinem Hause der erste Weise und sprach ihn an: „Ich sehe, dass etwas dich verändert hat. Was wirst du jetzt tun?“ Der Kaufmann aber hatte die Frage erwartet, denn er kannte ihre Wahrheit bereits und antwortete: „Ich werde meine Frau ansehen, ihrer Stimme lauschen und mich über ihre Liebe freuen.“ Und auch dieser Weise nickte, grüßte und ging seines Weges.

Der Kaufmann aber lebte von nun an in Liebe, Frieden und Eintracht mit seiner Frau.“

(aus Alexa Mohl, „Metaphern-Lernbuch“, Junfermann-Verlag 1998)

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren

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