Foto: Wolfgang Schiele

Muss alles im Leben immer Sinn machen oder haben, damit wir glücklich sind oder werden? Oder darf es auch ein wenig weniger sein mit dem Sinnhaften? … Von der Ambivalenz des „Sinnlos-Glücklichseins“ …

Der Begründer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie, Viktor E. Frankl, hatte da ganz klare Vorstellungen. Ein Mensch, der keinem Sinn im Leben nachjagt, hat viel geringere Chancen ein erfülltes Leben zu führen, als der sinnorientierte. Doch ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Frankl, der viele Jahre im KZ verbringen musste, hatte für das DANACH ganz intensive persönliche Pläne. Das hat ihn stark gemacht und überleben lassen. Aber wie ist es in Situationen, die regelmäßig in einer Welt auftreten, die zwar allgemein gefährdet ist, aber nicht ständig und schon gar nicht persönlich lebensbedrohlich? Tatjana Schnell, Professorin an der Uni Innsbruck, befasst sich seit vielen jahren mit Glücksforschung und hat eine Gruppe von Menschen identifiziert, die glücklich damit ist, ein weitgehend sinnneutrales Leben zu leben.

Sie bezeichnet diese Menschen als „existenziell Indifferente“. Menschen also, die eine gleichmütige Haltung zum Sinn im Leben haben und ihn im Zweifel nicht benötigen, um zufrieden, wenn nicht sogar glücklich, durch´s Leben zu kommen. In einer Studie wurden 603 deutsche Teilnehmer zu ihren Lebensbedeutungen und zu ihrem Lebenssinn befragt. Ziel der Studie war es u. a., eine Antwort darauf zu finden, ob fehlender Lebenssinn zu seelischem Leidensdruck führt und negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben kann.

Jede der befragten Personen konnte einer der folgenden vier Kategorien angehören:

  1. sinnerfüllt: sinnerfüllt ohne Sinnkrise,
  2. in einer Sinnkrise: nicht sinnerfüllt und in einer Sinnkrise,
  3. existentielle Indifferenz: nicht sinnerfüllt, aber auch nicht in einer Sinnkrise und
  4. widersprüchlich: sinnerfüllt, aber auch in einer Sinnkrise.
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Existenziell Indifferente waren in der Tat verhältnismäßig häufig unter den Teilnehmern anzutreffen:

61 % erlebten Ihre Existenz als sinnerfüllt,
4 % litten unter eine Sinnkrise, jedoch
35 % beschrieben sich als existenziell indifferent!

Im Weiteren zeigte sich, dass Verheiratete eher zu den Sinnerfüllten zählten, Singles hingegen befanden sich eher in einer Sinnkrise. Und man stellte fest, dass die Indifferenten den Lebensbedeutungen* weniger Gewicht beimaßen, als sinnerlebende und sinnerfüllte Menschen. Ganz besonders auffällig war diese Einstellung im Verhältnis

zur Generativität (Weitergabe von Wissen und Werten an nachfolgende Generationen),
zum bewussten Erleben (Achtsamkeit und Rituale);
zur individuellen Harmonie (Ausgewogenheit und Gleichklang mit sich selbst und zu anderen);
zur Selbsterkenntnis (Suche nach und Auseinandersetzung mit seinem Selbst);
zur persönlichen Entwicklung (Zielstrebigkeit und Wachstum) und
zur Spiritualität (Orientierung an anderer Wirklichkeit und Schicksalsglaube).

*mehr über die Lebensbedeutungen erfahren Sie u. a. unter https://wp.me/p7Pnay-2JI

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In einer weiteren Sudie stellte sich heraus, dass existenziell Indifferente in allen Lebensbedeutungen über niedrigere Werte verfügten, als sinnerfüllte Menschen. Allerdings konnte nicht belegt werden, dass sie über eine schlechtere Stimmung oder geringere Zufriedenheit verfügten, als die sinnorientierten Personen. Auch bei Angst und Depressionen schnitten die existenziell Indifferenten nicht schlechter ab, als die Sinnsucher.

Liegt das an der „Alltäglichkeit“ der Menschen, wie der Philosoph Martin Heidegger schrieb? Oder hat das etwas mit dem sog. „Werteverfall“ unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft zu tun? Ein möglicher Zusammenhang liegt offenbar im fehlenden Willen (oder Wollen?), sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Existenziell Indifferente möchten die eigene Komfortzone nicht verlassen und wissen weniger über die eigenen Stärken und Schwächen. Und trotzdem leben sie ein mehr oder weniger erfülltes und zufriedenes Leben. Braucht es zum glücklichen Leben keinen Sinn? Und steht nun die Erkenntnis, dass ein Drittel der Menschen keinem Sinn im Leben hinterherjagen, in einem gewissen Widerspruch zu Viktor Frankls Existenzanalyse und Logotherapie …?

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de