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Warum starten immer mehr Menschen mit dem Eintritt in den „Ruhestand“ auch noch mal eine zweite berufliche Karriere? Was macht den Neubeginn so attraktiv und faszinierend? Wodurch unterscheiden sich die Professionen vor und nach dem Rentenstart?

Immer mehr erfinden sich beuflich neu
Die Statistik besagt, dass sich die Zahl der Wiedererwerbstätigen ab dem 65. Lebensjahr von 2000 bis 2016 mehr als verdoppelt hat: von 539.000 auf über 1,42 Millionen. Ein Drittel davon arbeitet übrigens im eigens dafür gegründeten Kleinunternehmen oder als Freelancer. Von der Gesamtanzahl sind nach eigenen Angaben weniger als ein Viertel darauf angewiesen, durch einen Job zusätzlich zur Rente ihre Existenz sichern zu müssen. Einige Kenner der Szene sagen: Der beste Zeitpunkt zum Wechsel in den Traumjob ist der Beginn des (staatlich verordneten) Ruhestandes! Ich meine: Man kann auch davor ernsthaft über einen Berufswechsel nachdenken. Ohnehin träumen sehr viele Menschen davon, noch einmal ganz von vorne anzufangen und ihre wahren Sehnsüchte auszuleben. Womöglich haben ja Hunderttausende von Beschäftigten in der Vergangenheit die falsche Berufswahl getroffen …?

Traumjob gefunden – oder innerlich gekündigt?
Eine Studie der Open University 2015 ergab, dass nur etwa 13% aller Deutschen in ihren Traumberuf arbeiten. In einer US-amerkanischen Studie, die 2016 mit gut 2000 Teilnehmern erstellt wurde, verneinten 78,1 % der Befragten, dass sie in ihrem Traumjob arbeiten. Immer wieder führen Meinungsforschungsinstitute Befragungen zur beruflichen Zufriedenheit durch. Laut einer Gallup-Langzeitumfrage identifizieren sich drei von vier Befragten nicht mit ihrem Beruf und machen nur „Dienst nach Vorschrift“. Über die Zahl der Arbeitnehmer, die bereits innerlich gekündigt haben, gehen die Ergebnisse weit auseinander: Über die Jahre wiederkehrende Gallup-Studien attestieren etwa 18% aller Beschäftigten die innere Kündigung. Andere Quellen beziffern die Zahl der unter stillem Protest Arbeitenden weitaus höher.

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Was der Motivation im Wege steht
Woran mag das liegen? Wie Forschungen belegen, sind die Ursachen breit gestreut. Immer weniger Menschen verspüren eine emotionale Bindung an ihren Job und ihr Unternehmen. Viele argumentieren: Die Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung im Beruf ist stark eingeschränkt. Andere wiederum kommen mit dem Betriebsklima nicht klar und/oder leiden unter dem Verhalten ihrer Vorgesetzten. Ein anderer Teil fühlt sich kaum motiviert oder unzureichend gewertschätzt. Auch berufliche Überforderung und Stress im Job stehen ganz oben auf der Ursachenliste. Oder – man höre und staune – Langeweile, wenn die Anforderungen unter den Fähigkeiten des Beschäftigten liegen.

Berufungen nachgehen
Schon Karl Marx hat die aufgezwungene Erwerbsarbeit der Menschen im Kapitalismus kritisiert. Es sollte dem Arbeiter in einer gerechten Gesellschaft (er meinte den Kommunismus) möglich sein, seinen vielfältigen persönlichen Interessen nachgehen zu können, ohne dafür Ausbildungsberufe erlernen zu müssen. Er sollte „heute dies, morgen jenes tun können, morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben und nach dem Essen kritisieren“ – ohne all die Fähigkeiten in einer beruflichen Ausbildung wirklich erlernt zu haben.

Sehnsucht nach dem Ruhestand
Je älter die Menschen werden, desto widerständiger werden sie gegen den ausgeübten Beruf, die ungeliebte Tätigkeit. Jedes Jahr nimmt bei langjährig in einem Unternehmen Beschäftigten die berufliche Motivation ab. Wen wundert es da, dass immer mehr Menschen auf den „lang ersehnten“ Ruhestand warten, um sich dann endlich selbstverwirklichen zu können. Wie oben belegt, immer mehr auch in einem zweiten, meist völlig anders gearteten Job als zuvor. Sie fixieren sich auf den Tag, ab dem sie endlich die Träume und Ziele ausleben können, von denen sie sich mehr Freude, Sinnhaftigkeit und Genugtuung im Leben versprechen. Und es sind nicht wenige, die zwischen dem 40-sten und 65-sten, besser noch dem 60-sten, sagen: Augen zu und durch! Sie rennen durch den Zeitentunnel hin zum Licht und hoffen auf die Erleuchtung am Ende desselben. Möchten am liebsten ein Schwarzes Loch als Abkürzung zu den ersehnten Sternstunden des Lebens nehmen.

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Erfolg ist nicht gleich Glück
Karriere und Erfolg im Beruf sind für viele eben nicht mit Glück und Zufriedenheit gleichzusetzen. Weil womöglich die inneren Werte und Überzeugungen nicht im Einklang mit der (un-)willkürlichen Berufswahl standen. Oder sich das Unternehmen im Nachhinein als Fehlgriff herausstellt, aber man aus falscher Loyalität doch bleibt. Oftmals stellt sich bei hartnäckigem Hinterfragen heraus, dass der erlernte Beruf, der angenommene Job, die langjährig ausgeübte Tätigkeit einzig und allein der Existenzsicherung dienten. Vorrangig einer materiellen Sicherheit, die leider auch psychisch unglücklich und sogar krank machen kann.

Neue Erwartungen an die Arbeitswelt
Was genau löst in vielen von uns Demotivation und Verdrossenheit aus?
* Menschen wollen selbst über die Arbeitsinhalte entscheiden, die sie für sich persönlich als wichtig und sinnvoll betrachten.
* Sie möchten ein Arbeitsumfeld vorfinden, dass ihnen (vor allem mit zunehmendem Alter) einen zeitlich flexiblen Gestaltungsspielraum ermöglicht.
* Menschen wünschen sich regelmäßig ein wertschätzendes, respektvolles und motivierendes Feedback, das ihnen als einer unter vielen nur selten vom Chef und Unternehmen entgegengebracht wird.
* Beschäftigte wollen auch über ihr Arbeitsquantum mitbestimmen – festlegen, wann und wo sie wie viel Leistung erbringen wollen.
* Sie möchten Arbeit und Erfüllung zu einem integrierten Lebensplan formen können, mit allen Möglichkeiten, die uns die Welt und das Leben bieten, also z. B. auch mittendrin im Job mal eine größere Auszeit (siehe auch mein Blogbeitrag: https://wp.me/p7Pnay-26i) nehmen.
* Vor allem ältere Beschäftigte erwarten, dass der Arbeitgeber ihnen alter(n)sgerechte Arbeitsbedingungen schafft und ihren Einsatz entsprechend ihren langjährigen Erfahrungen und den aktuellen Entwicklungen permanent steuert.

Späte Midlife-Crisis überwinden
Als ich mich mit Anfang 60 in einem Berliner Weiterbildungsinstitut auf meine Heilpraktikerprüfung vorbereiten wollte, kamen in mir Gedanken auf, wie: „Dazu bist du schon zu alt, was werden die vielen jüngeren Teilnehmer denken?“ Groß war dann die Überraschung, als ich feststellte, dass die große Mehrheit der Anwärter die 50 bereits überschritten hatte. Teilnehmer aus allen Berufsrichtungen fanden sich hier: Filmschaffende, Juristen, IT-Techniker, Ingenieure … Und sie alle waren auf der Suche nach einer geistigen Veränderung, wollten ihre spätberufliche „Midlife-Crisis“ nach etlichen Berufsjahren überwinden und einen Neustart noch vor dem Ruhestand wagen. Als persönliche Erfahrung habe ich für mich mitgenommen, dass man nie zu alt ist für Veränderung und eine „freitätige“ Zukunft auch im fortgeschrittenen Alter machbar ist.

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Schatztruhe der Kindheit öffnen
Psychologen sind sich einig: Wer aus eigenem Entschluss etwas (völlig) Neues anfängt, ist danach besonders zufrieden. Der Glückszuwachs ist enorm und bewegt sich bei 50% im Vergleich zu dem bei einer Heirat. Selbst bei Menschen über 65 hat man festgestellt, dass ihr Zufriedenheitslevel in einer nachberuflichen Tätigkeit um mindestens 10% höher liegt, als der von Rentnern ohne Beschäftigung. Und wer innerlich gekündigt hat und nicht weiß, was seine neue berufliche Zukunft sein könnte, der sollte seine ganz persönliche „Schatztruhe der Kindheit“ öffnen. Oft warten hier Jugendträume und die Sehnsüchte der Kindheit auf ihre späte Erfüllung. In meinen Workshops gehört die regressive Suche nach den Spuren unserer womöglich „veruntreuten“ Biografie zwingend dazu. Und viele Teilnehmer gehen mit einer ganz individuellen Idee nach Hause, um vielleicht den Traum vom Neuanfang umzusetzen …

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de