Grafik: Wolfgang Schiele

Die Resilienzforschung kennt verschiedene Ansätze zu den Säulen und Einstellungen, die den Menschen gegen die verschiedenen Wechselfälle des Lebens, gegen Stress und Transformationsängste psychologisch widerstandsfähiger machen können. Mein Favorit ist auf der vorangehenden Abbildung zu sehen: sieben Resilienzfaktoren und drei lebensbedeutsame Grundeinstellungen.

Fortsetzen möchte ich mit der fünften Säule: der Netzwerkorientierung, oder besser: dem Netzwerkaufbau und seiner Pflege.

Wenn wir mit 50+ oder 60+ Jahren aus dem gewohnten Arbeitsprozess „entlassen“ werden (manche unter Protest, manche mit langgehegter Vorfreude …), dann verlieren wir sehr schnell – manchmal sogar von einem Tag auf den anderen – unser betriebliches Netzwerk, das regelmäßig eine Vielzahl von Kontakten und Beziehungen umfasst. Für eine große Anzahl von Menschen bedeutete dieses beruflich bedingte soziale Netzwerk einen nicht zu unterschätzenden Halt und Kommunikationsfaktor in den vergangenen 35, 40 oder 45 Jahren. Dieses Netzwerk war umso dichter geknüpft, je mehr wir uns mit dem Unternehmen oder der Organisation, in der wir arbeiteten, verbunden fühlten. Selbst wenn wir bereits innerlich gekündigt hatten, bedeutete es für uns regelmäßigen Austausch, war persönliche Klagemauer und/oder Ideengeber in familiären Konfliktsituationen. Damit ist es mit dem Übergang in den Ruhestand vorbei – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Auf der anderen Seite wird mit zunehmendem Alter auch die Anzahl der Familienbeziehungen eher weniger als mehr: Die Generation vor uns stirbt weg, die Generationen nach uns ziehen statistisch gesehen immer weiter von ihren Ursprungsheimaten fort. Die unmittelbaren sozialen Verbindungen werden immer loser und entfernen sich voneinander (was wir auch in der aktuellen Corona-Zeit als besonders schmerzlich empfinden) – daran ändern auch die digitalen Helferlein nicht allzuviel. Wir aber sind soziale Wesen und brauchen die direkten, visuellen, akustischen und fühlbaren Kontakte untereinander. Zudem verlieren wir immer mehr unserer Weggefährten, Freunde und Gleichaltrigen. Und einen automatischen Ausgleich für diese Verluste gibt es nicht: Wollen wir uns weiterhin in Netzwerken austauschen, dann müssen wir neue Freundeskreise erschließen, uns neuen Gruppen anschließen, uns bisher unbekannten Gleichgesinnten zuwenden.

Was hilft, ist das rechtzeitige Kümmern um neue Netzwerke. Wobei der Aufbau neuer Verbindungen die eine, vielleicht leichtere Seite ist. Die m. E. nach schwierigere Aufgabe besteht in der Pflege der neuen Netzwerke – hier sind Ausdauer, gegenseitiges Vertrauen und werthaltige Kommunikation gefragt.

Grafik: Wolfgang Schiele

Wie ich in der Grafik zeige, geht es nicht mehr nur um die familiären Beziehungen, sondern um die Ausweitung der Kontakte auch über den „Komfortbereich“, der idealerweise durch Verwandte und Freunde vertreten wird, hinaus. Vereine und Interessengruppen stellen die neue Heimat im fortgeschrittenen Alter dar, wenn die früheren beruflichen Netzwerke längst in sich zusammengefallen sind. Dabei sind die Frauen meist im Vorteil: Ihnen gelingt es, parallel zu und neben den beruflichen Verbindungen im Alltagsumfeld soziale Netzwerke aufzubauen und diese dann im Ruhestand weiter zu pflegen. Männer fokussieren sich im Beruf meist auf fachliche und karriereförderliche Netzwerke; an Beziehungsgeflechte nach dem Ruhestandseintritt denken sie eher weniger.

Doch wer über nur wenige Beziehungen und Bindungen im Alter verfügt, der ist einsamkeitsgefährdet. Etliche Alterswissenschaftler betrachten die Einsamkeit bereits als neue Volkskrankheit. In Großbritannien hat man das vor einiger Zeit erkannt und ein Ministerium für Einsamkeit eingerichtet. Die Staatssekretärin Tracey Crouch, bisher im Ministerium für Sport und Ziviles beheimatet, übernahm vor gut zwei Jahren das neue Ministeramt.

Netzwerken für´s und im Alter stärkt nachweislich unsere Resilienz, unsere seelische Widerstandkraft. Denn es bietet – auch bedingt durch die Digitalisierung – jederzeit die Möglichkeit zur Kommunikation, lässt Verbundenheit erleben und ist mit Hilfe zur Stelle, wenn sie gebraucht wird.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße

Wolfgang Schiele
(Vor-)Ruhestandscoach und Resilienztrainer für Senioren

© Wolfgang Schiele 2020 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de