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Krisenhafte Zeiten sind auch Zeiten, in den sich Menschen gern als Vordenker, Wegbereiter oder Heilsbringer ins Gespräch bringen. Je lauter, desto besser. Dann wittern sie die Chance, ihre Präsenz, ihre Wirkung und ihr Charisma durch eine einfache, verführerische oder unwiderstehliche Argumentation an die Frau oder den Mann bringen zu können. Und dann sind wir als (oft ungefragte) Empfänger der Botschaften in einer sogenannten „BANI-Welt“ (ein Akronym aus brüchig, angsteinflößend, nichtlinear und inkohärent, siehe auch meine Beiträge unter „Dem Chaos ins Auge blicken“; https://wp.me/p7Pnay-3Kr und https://wp.me/p7Pnay-3M5) kaum noch in der Lage, Fakten von Fakes zu unterscheiden …

Situationen wie die aktuelle virale Pandemie, das weltweite Aufblühen von Autokratien, die vielfältigen globalen Krisen und vor allem der Krieg in der Ukraine sind der ideale Nährboden dafür, dass sich die „Viren des Geistes“ mit rasanter Geschwindigkeit ausbreiten können. Diesen Begriff hat Vera F. Birkenbihl kreiert und ein gleichnamiges Buch darüber geschrieben. (Leider ist sie bereits 2011 verstorben – sie fände heute Stoff ohne Ende für die Nachhaltigkeit ihrer Thesen.) Die „Viren des Geistes“ gehen auf eine Idee des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins zurück. Gegen die akute Gefahr, dass uns die Geistesviren überrennen könnten, hat die deutsche Autorin und Managementtrainerin eine spezielle Checkliste entwickelt, die uns helfen kann, den Verfälschungen und Verzerrungen, den Vorspiegelungen und Verleumdungen der Verführer und Lügner auf die Schliche zu kommen. In den Fragen der Liste sind vier T-Wörter zu finden, die als Prüfkategorien dienen; hier sind sie:

Es ist true: die Annahme wird als Wahrheit empfunden.
Es ist tugendhaft: die Annahme wird als (moralisch) gut empfunden.
Es ist tabu: die Annahme darf nicht bezweifelt werden.
Es gibt keine Toleranz: andere Annahmen werden nicht akzeptiert (ertragen).

Je mehr Ja-Antworten man zu einer Aussage findet, desto höher ist die Gefahr, dass die virale Infektion bei einem bereits eingetreten ist … Natürlich ist diese „T-Checkliste“ auch eine Möglichkeit, seinen eigenen (falschen, korrigierten, angepassten, obsoleten …) Überzeugungen auf die Spur zu kommen. Einer meiner Trainerkollegen ist z. B. der Auffassung, dass man mehr Gewissheit entwickelt, je weniger man über den Sachverhalt an sich weiß oder bereit ist, sich zu beschäftigen … Vielleicht sollte man täglich einen Check machen und sich an „möglichen und unmöglichen“ Dingen und Annahmen üben. Hier ein paar Aussagen für den Selbsttest:

Es gibt zwei Geschlechter.
Die US-Amerikaner haben den Anschlag von Nine-Eleven selbst zu verantworten.
Der Kommunismus ist eine gute Idee.
Ungeimpfte sollten im Zweifel nicht beatmet werden.
Homöopathie wirkt.
Angela Merkel war ein Glücksfall für Deutschland.
Die Wahrscheinlichkeitslehre ist Unfug: Entweder es tritt etwas ein oder nicht.
Impfen rettet Leben.
Jesus konnte wirklich
übers Wasser gehen.
Mädchen werden in der Schule bevorzugt.
Wohnungskonzerne werden demnächst verstaatlicht.
Die Regierung sagt die Wahrheit.
Die Bibel ist ein authentisches Meisterwerk.
Einstein hat von Kollegen abgeschrieben.
Schulpflicht und Lehrpläne vernichten Talente.


Aber zurück zur Frage, ob eher die Intelligenten oder die Wissens(-chafts)verweigerer mit einer höheren Gewissheit leben. Von Bertrand Russell, dem britischen Philosophen und Logiker, stammt die folgende Aussage:
„Der Hauptgrund für die Schwierigkeiten liegt darin, dass in der modernen Welt die Dummen vollkommen sicher sind, während die Intelligenten voller Zweifel sind.“

Diese Annahme Russels führt uns zu Untersuchungsergebnissen, die die US-amerikanischen Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger herausgefunden haben. Ihre Ergebnisse beschreiben eine sog. kognitive Verzerrung, also eine systematisch fehlerhafte Neigung im Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen. Dunning und Kruger haben sich schwerpunktmäßig mit der Selbstbewertung eigener Fähigkeiten befasst und diese mit objektiven Leistungen oder im Verhältnis zur Leistung einer größeren Gruppe von Probanden verglichen. Sie stellten fest, dass sich Menschen mit geringeren Fähigkeiten gern überschätzen. Personen im unteren Viertel einer Leistungsskala bewerten sich so als seien sie den beiden oberen Vierteln zugehörig. Auf einen Nenner gebracht: Menschen lieben es sich selbst aufzuwerten – unabhängig von ihren intellektuellen Fähigkeiten; und das selbst zu Themen und Sachverhalten, die rein erfunden sind.

Der Dunning-Kruger-Effekt ist deshalb so gefährlich, weil er zu selbstschädigenden Entscheidungen bei der Person selbst führen kann oder bei anderen Menschengruppen schlimme Folgen nach sich zieht. Charakteristisch für Menschen mit diesem Effekt sind folgende Dinge:
– sie überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten;
– sie können das Ausmaß und/oder die Intensität ihrer eigenen Inkompetenz nicht richtig einschätzen,
– sie können (oder wollen) die überlegeneren Fähigkeiten bei anderen nicht erkennen.

Die Pandemiezeit, dir wir gerade durchleben, lässt den Dunning-Kruger-Effekt immer häufiger hörbar und sichtbar werden. Die Selbstüberschätzung der einen hatte zwischenzeitlich dazu geführt, dass sich die anderen ihrer tatsächlichen Kompetenzen nicht mehr sicher waren; nun halten die intelligenteren im wiedergewonnenen Bewusstsein ihres schlüssigen Denkens dagegen und bringen erfolgreich ihr breiter aufgestelltes Wissen und logisches Handeln ins Spiel. Denn der Dunning-Kruger-Effekt hat immer auch zwei Seiten …

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

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