Für Irvin Yalom, dem womöglich dienstältesten Psychotherapeuten der Welt (geb. 1931), gehört die Freiheit zu den sogenannten „letzten Dingen“ („ultimate concerns“). Er hält sie u. a. für einen konfliktbesetzten Wert, der das Individuum in ein existenzielles Dilemma treiben und psychologische Störungen von erheblichem Krankheitswert auslösen kann. Das wird ganz besonders dann offensichtlich, wenn man den Gegenspieler der Freiheit, die Verantwortung, mit einbezieht. Auch im Ruhestand behält der Antagonismus zwischen Freiheit und Verantwortung seine hohe Aktualität bei …

In manchen Regionen dieser Welt scheint das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung erst gar nicht zu existieren. Freiheit ist für viele die Verfügungsoption über mannigfaltige Handlungen, ohne deren Konsequenzen bedenken oder deren Ergebnisse verantworten zu müssen. Einzig der eigene Wille, das Eingriffstabu der Anderen oder die Untätigkeit Betroffener legitimieren Einzelpersonen, Gruppen oder sogar ganze Völker dazu, Veränderungen (auch zum Nachteil Dritter) ohne weitere Nachfrage einzuführen und durchzusetzen. Ein symbolisches Beispiel dafür bieten die USA: An der Westküste steht die Freiheitsstatue (die geschenkte „Freiheit“ der Franzosen …). Eigentlich soll sie – erinnernd an die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten am 4. Juli 1776 – ein Symbol der Autonomie und Ungebundenheit gegenüber den bis dahin herrschenden Briten darstellen. Nichts gegen den historischen Freiheitskampf der Ausgewanderten – sie wollten Mitbestimmungsrechte im Gegenzug zu den Steuern, die die britische Krone in den amerikanischen Kolonien erhob. Aber viele geben dem Wahrzeichen New Yorks heute die Bedeutung eines grenzenlosen Anspruchsdenkens, mannigfaltiger Privilegien, ausufernder Vollmachten und unhinterfragter Befugnisse – und das in der ganzen Welt. Da stellt sich doch die Frage nach einer Verantwortungsstatue, etwa im Osten der USA …

Wo nun liegt der Bezug zu den Fragen der eigenen Lebensbestimmung, der Frage nach Freiheit und Verantwortung, insbesondere am Übergang in den Ruhestand? – In der Rückschau können wir feststellen, dass wir völlig vorgabefrei auf diese Welt gekommen sind. Niemand hat uns eine To-do-Liste an den großen Zeh gehängt und mit Verhaltensmaßregeln ausgestattet. Es gab keine Unterlassungsbotschaften oder Gebrauchsanweisungen für das Leben, das uns geschenkt wurde. Wir verfügen über eine große Anzahl von Optionen und Freiheitsgraden, unser Leben zu gestalten. Doch genau das führt zu einer großen Verunsicherung. Die Vielfalt der Wahlmöglichkeiten, die schier erdrückende Mannigfaltigkeit der Gelegenheiten schreit nach der Übernahme von Verantwortung. Viele Menschen haben davor Angst. Sie möchten die Bürde der Eigenverantwortung gern delegieren, so, wie das in einer langen Zeit der Berufstätigkeit Vorgesetzte und Unternehmen für uns übernommen haben. Und was die Krise noch verschärft: Es gilt nicht nur Verantwortung dafür zu übernehmen, was wir tun, sondern auch für das, was wir unterlassen! Dieser moralische Druck nimmt mit zunehmendem Alter keineswegs ab, sondern eher noch zu.

Viele Menschen, allen voran die, die sich im Ruhestand befinden oder sich ihm aktuell annähern, werden im Älterwerden mit einer Herausforderung konfrontiert und sehen sich in einer Zwickmühle: Sie kommen an einem Selbstentschluss nicht mehr vorbei. Entweder entscheiden sie sich für eine aktive Gestaltung der Späten Freiheit oder sie ziehen sich auf ihr passives Alternteil zurück. Natürlich könnten sie auch die eigene Entschlussfähigkeit sabotieren und sich wie selbstverständlich dem Mainstream der gesellschaftlichen Entwicklung anpassen. Doch da ist noch das (kostenlose) Geschenk der der Selbstbestimmtheit, der (fast) bedingungslosen persönlichen Souveränität nach dem Beruf: Wir sollten mit dem Einstieg in unseren (Un-)Ruhestand klar Verantwortung für uns selbst und unsere dritte Lebensphase übernehmen, sie individuell und authentisch gestalten, mit substanziellen Inhalten und sinnorientierten Zielen und Werten befüllen. Kurzum – sie aktiv und erfüllend in die eigene Hand nehmen! Unsere persönliche „Verantwortungsstatue“ bauen und uns ein eigenes Denkmal unserer Altersreife und Weisheit errichten! Und damit unsere „Späte Freiheit“ mit hoher persönlicher Glaubwürdigkeit verbinden.

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach Wolfgang Schiele

Copyright Wolfgang Schiele 2019 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de