Sage niemand, es gäbe keine Zeitreisen …

Über keine meiner Lebensphasen habe ich so viele Bilder über mich selbst als aus der Zeitspanne zwischen meinem 17. und 25. Lebensjahr. Vielleicht, weil ich in meiner Jugend nach mir selbst suchte, nach meiner Mission, nach meinem Bild von der Welt. Vielleicht, weil im testenden und tastenden (Erst-)Kontakt mit den Mädels meiner Zeit auch immer gedruckte Fotos ausgetauscht wurden (nein, es gab noch kein Handy, noch kein Internet, kein Instagram …!). Und sich auf den Rückseiten kurze Notizen, Stories oder Anmerkungen zur Situation befanden, was die heutige Einordnung und Datierung erleichtert. Bilder aus dieser Zeit sind die wohl wirkmächtigsten Regressionsauslöser …

Ich betrachte gerade ein Bild, aufgenommen vom Schulhof meiner Penne, wohl im Frühsommer 1977. Eine Gruppe Mitschüler:innen (hier gendere ich mal ausnahmsweise) bei einer offensichtlichen Auszeichnungsprozedur. Die Mädels in reizenden Miniröckchen, eines kürzer als das andere. Und darunter mein Schwarm, das seligmachende Ziel meines Wachens und meines Träumens als Teenager: M. G. Und wie ich das Bild betrachte sehe ich mich sogleich regressiv assoziiert in einer Szene, in der ich mit dem Kassettenrecorder (!) ein Band bespreche. Dem Mädel M. G. meine Liebe gestehe, ihm meine Liebesqualen offenbare, gefolgt von einem Liebesschwur. Zum Schluss spreche ich eines meiner Gedichte auf das Band. Es war genau der Moment, an dem meine Gefühle sich über mein bis dahin ach so geringes Selbstwertgefühl hinwegsetzten und die Oberhand gewannen. Am nächsten Tag bringe ich das Band zur Post. – Eine Reaktion gab es vorerst nicht. Deshalb mied ich daraufhin den Sicht- und Nähekontakt. Zu vernichtend hätte mich eine offene, wenn auch nur nonverbale Ablehnung getroffen. Es wäre eine unerhörte, eine unerwiderte Träumerei, eine platonische Romanze geblieben, wenn es nicht doch auf einem der letzten Schulbälle zu einem körperlichem Tanzkontakt gekommen wäre; mit einem – wie ich mich erinnere – recht harmonischen Gedankenaustausch. – – – Jahre später, ich studierte bereits einige Jahre, erzählte mir mein Cousin, dass das Mädel M. G., das damals in sein Klasse ging, bei einem Motorradunfall mit ihrem Freund ums Leben gekommen sei. Und schenkte mir das Bild, das ich noch immer betrachte …

Fotos von jungen Frauen – so einige habe ich nach 50 Jahren noch in einem verblichenen Briefkuvert wiedergefunden. Ohne eine Notiz auf der Rückseite wüsste ich den einen oder anderen Namen wohl gar nicht mehr. Und vielleicht – wenn kein Hinweis mehr zu finden ist und kein Gedächtnisspeicher den Namen erinnert – finde ich in den Tagebuchnotizen Hinweise auf jugendliche Romanzen. Ja, vieles wurde verdrängt durch die Episoden auf meiner Timeline, manches wird sich erfolgreich zurückkämpfen an die vorderste Linie des Bewusstseins. Und dann könnte ich mich ja fragen, ob die früheren Lebensentscheidungen aus heutiger Sicht zu meinem Lebensglück beigetragen haben oder nicht. Aber ist das klug? Die Fotos und ich konnten kein Parallelleben führen, um im Heute verglichen und bewertet zu werden. Es war, war es war, sprach die Liebe …

Foto: Wolfgang Schiele

So löst jedes Foto, von denen ich beim Aufräumen einige mehr fand, als ich dachte, mehr oder weniger starke Emotionen in mir aus. An einigen hängen detailreiche Geschichten, an anderen wiederum nur Momentaufnahmen, die weniger geeignet sind, mich in die Vergangenheit zurückzuversetzen. Die Intensität damaliger Gefühle, die immer noch irgendwo in mir drinstecken, entscheidet noch heute darüber, was ich erinnere und assoziiere, was ich bedaure oder verdränge, was ich behalten möchte oder vergessen will.

Was früher noch vernunftsverdrängt und gefühlsgesteuert aus mir heraussprudelte, das wurde bald abgelöst durch rationale Überlegungen für das berufliche Fortkommen, für die Entwicklung eines eigenen Lebensstils, für die zukünftige feste Partnerschaft. Oh du schöne Frühzeit der Romantik, der Jugend mit dem Touch einer verklärten Zärtlichkeit und der Naivität des jugendlichen Träumens … Schade, dass ein Großteil meines Lebens danach nicht mit derart emotional reichhaltigen Szenen bestückt war, wie die Zeit der Pubertät und verliebten Glückseligkeit. Sonst verfügte ich über ein viel reicheres Reservoir an Bildern, die mich immer wieder an die glorreichen und wunderbaren, aber auch an die zerstörerischen und schmerzenden Umstände in meinem jungen Leben erinnern, und die alle in ihrer Gesamtheit ein bewegtes und erfülltes Leben ausmachen.

Und – wer´s mag – hier geht´s zur ersten und zur zweiten Altersregression: https://wp.me/p7Pnay-3GJ – „Begegnung mit meinem jüngeren Ich“ und https://wp.me/p7Pnay-3Hh – „Im Spannungsfeld zwischen Pubertät und Poesie“.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2022 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de