Foto: Pixabay – Kiew, Denkmal für Bogdan Chmelnitzky
Ich stöbere zurzeit – da ich meine Prokrastination vor einiger Zeit überwunden hatte und ans Aufräumen ging – in den wiederaufgefundenen Tagebüchern meiner Jugend- und Studienzeit herum. Die Sammlung der bis zu 50 Jahre alten Aufzeichnungen umfasst die Zeit ab 1971 bis in die frühen Achtziger. Und irgendwie kommen die Erinnerungen zu dem Zeitpunkt zusammen, der in Europa nichts Gutes erahnen lässt.
Der Trend zum frühen Ausstieg aus dem Berufsleben hält unvermindert an. Auch wenn viele der Ruhestandsanwärter mit Strafabgaben von über 10% ihrer Rente rechnen müssen, weil sie wegen fehlender Anrechnungsjahre nicht abschlagfrei davonkommen, gehen mehr Menschen als die Rentenversicherung jemals geplant hatte, zum rechtlich frühestmöglichen Termin in die Rente. Woran mag das wohl liegen …?
Nach einigen Wochen der Vertiefung in wiederaufgefundene Tagebücher aus meiner Jugendzeit erwische ich mich dabei, wie ich meine Lebensphasen neu bewerte. Bemerkenswert erscheint mir, dass die Zeit der Berufsausübung für mich eine weniger wichtige und erinnerungswürdige Zeit ist als die 20 Jahre davor und die 10 Jahre danach. Die Zeit dazwischen scheint wie ausgeblendet, leerer und bedeutungsloser. Es ist, als stünde man auf einem hohen, breiten und erhabenen Erinnerungshügel und schaute in die Ferne – hinweg über die sanften Hänge und ausgebreiteten Ebenen des vormals Professionellen in Richtung Lebensstart – dorthin, wo sich Himmel und Erde treffen, als hätten sie sich etwas Wichtiges zu erzählen. Und das, was sich zwischen dem eigenen Aussichtspunkt und dem wie mit einem Lineal gezogenen Horizont am Bildrand befindet, hat kaum noch Bedeutung, findet keine wirkliche Beachtung …
Als das Jahrhunderthochwasser 1997 auch meine damalige Heimatstadt Frankfurt (Oder) [ja, es gibt in Deutschland zweimal „Franks Furten“!] erreichte, war es für die Familie keine Frage, uns selbst von den Pegelständen und Überflutungsgebieten ein unmittelbares Bild zu machen. Die Berichte im Fernsehen waren zwar ständiger Begleiter – aber es macht einen deutlichen Unterschied, ob man sich das Geschehen durch Dritte schildern lässt oder selbst ein authentisches und direktes Gefühl für die bedrohliche Situation entwickelt. (Das obige Foto stammt übrigens nicht vom Oderhochwasser, wie hoffentlich unschwer zu erkennen ist … sondern von der Küste Korsikas.)
Mit der Aufklärung kam die moderne Wissenschaft und sagte einer Welt der Religion und der Spiritualität den Kampf an. Sie wollte ein für alle Mal aufräumen mit esoterischen, theologischen, irrationalen und spirituellen Welterklärungen. Nach den vermeintlich dunklen Zeiten des Mittelalters sorgte die Aufklärung für eine wissenschaftliche Betrachtung der Welt. Sie legte sich ein Handwerkszeug zu, das die den Menschen umgebenden Dinge der Welt beobachtete und registrierte, analysierte und synthetisierte, hypothesierte und methodizierte, kausalisierte, korrelierte, ordnete – und vor allem rationalisierte: im Sinne von wohlbegründet, nachvollziehbar und vernünftig. Man kann auch sagen, die moderne Wissenschaft machte dem Menschen die Welt verständlich und nachvollziehbar – ohne sie durch eine allesbeherrschende Gotteskraft zu begründen. Sie nahm der Welt allerdings auch einen Teil ihrer Magie und ihres Zaubers. Und sie stahl vielen Menschen den Sinn, den sie bisher ausschließlich mit einer transzendenten Macht in Verbindung gebracht hatten. Mit zunehmenden Erkundungen, Erfahrungen und Erkenntnissen setzte die Wissenschaft die Vernunft an die erste Stelle menschlichen Strebens und begann mehr und mehr die „Unvernunft“ der Vergangenheit durch Erklärungsmodelle außerhalb eines religiösen oder spirituellen Geistesrahmens zu ersetzen.
Es fängt ganz harmlos und unaufgeregt an – aber dann! Seit sechs Tagen sortiere ich mein Büro neu. Schon nach kurzer Zeit gestaltete sich der Plan, die mich umgebende Arbeitswelt nach meiner Zeit als Trainer und Coach neu zu ordnen, zu einer unerwarteten Sisyphosaufgabe. Ich kam mir vor wie bei einer vorgezogenen Nachlasssichtung (und kann nunmehr gut nachempfinden, was Menschen nach meinem Ableben für Arbeit mit meinen Hinterlassenschaften haben werden). Im untersten Fach meines langjährigen Büroschrankes stieß ich auf zwei Pakete zusammengeknoteter Hefte, Kladden und Notizbücher. Ihre Existenz war mir zwar noch bewusst, aber die Inhalte waren gedanklich längst zur Unkenntlichkeit verblasst. Ich knotete das erste Bündel auf, nahm das oberste Heft in die Hand, blätterte in einem meiner ersten Tagebücher …
… ein Beitrag, der schon längere Zeit im Netz ist – mit 8,35% aller geteilten, themenbezogenen Beiträge hat es eines meiner Lieblingsgebiete wieder einmal geschafft, auf´s oberste Treppchen zu kommen: „Von Klagenden, Besuchern, Co-Moderatoren und anderen Kunden“ – eine Hommage an einen Altmeister der Lösungsfokussierten Kurztherapie, Steve de Shazer.
Auf Platz zwei folgt der Blogartikel „Stille Vermächtnisse – Oder: Im Auftrag der Eltern“, der insgesamt 6,04% der Zugriffe auf sich vereinen konnte.
Und den bronzenen Ehrenplatz belegt der Beitrag „Das 4-Mat-Modell und die VUKA-Welt“, auf den 5,23% entfielen.
Einen herzlichen Applaus für die Siegergruppe!
Allen, die sich gezielt mit diesem Blog identifizieren und ihn abonniert haben, aber auch jenen, die auf meine Beiträge rein zufällig oder im Ergebnis einer Recherche gestoßen sind, möchte ich ganz herzlich danken und noch ein gelingendes und gesundendes Jahr 2022 wünschen. Weiter so!
Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!
Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren Wolfgang Schiele
Die drohende Überlastung unseres Gesundheitswesens und insbesondere der Krankenhäuser ist mittlerweile ein Dauerbrenner in den Medien. Auch die Wochenzeitung DIE ZEIT schaltet sich in ihrer Ausgabe N° 49 in die Diskussion ein. Um den Zusammenbruch eines der angeblich besten Gesundheitssysteme der Welt zu verhindern, waren die gravierendsten Eingriffe in die freiheitlichen Rechte der Deutschen erforderlich, die es seit dem 2. Weltkrieg gab. Man darf jedoch bei aller Kritik an den temporären (Un-)Verhältnismäßigkeiten der Maßnahmen nie vergessen, dass das höchste Ziel menschlicher Freiheit der Erhalt des Lebens ist. Dem sollte sich alles unterordnen. Und das ist keinesfalls nur eine Frage der Mediziner und des Gesundheitswesens an sich.
Über den Zusammenhang von Lebensglück und Sinn im Leben habe ich bereits in meinem ersten Buch etwas geschrieben: „… Sinn bewegt sich auf einer höheren Abstraktionsstufe als Glück. Das Glück ist flüchtiger und drückt aus, was uns gegenwärtig wichtig ist und erfolgreich macht. Der Sinn beantwortet die Frage nach einer langfristigen, dem Großen und Ganzen untergeordneten, und dennoch individuellen Bestimmung …“ .