Foto: Wolfgang Schiele

Sage niemand, es gäbe keine Zeitreisen …

Es fängt ganz harmlos und unaufgeregt an – aber dann! Seit sechs Tagen sortiere ich mein Büro neu. Schon nach kurzer Zeit gestaltete sich der Plan, die mich umgebende Arbeitswelt nach meiner Zeit als Trainer und Coach neu zu ordnen, zu einer unerwarteten Sisyphusaufgabe. Ich kam mir vor wie bei einer vorgezogenen Nachlasssichtung (und kann nunmehr gut nachempfinden, was Menschen nach meinem Ableben für Arbeit mit meinen Hinterlassenschaften haben werden). Im untersten Fach meines langjährigen Büroschrankes stieß ich auf zwei Pakete zusammengeknoteter Hefte, Kladden und Notizbücher. Ihre Existenz war mir zwar noch bewusst, aber die Inhalte waren gedanklich längst zur Unkenntlichkeit verblasst. Ich knotete das erste Bündel auf, nahm das oberste Heft in die Hand, blätterte in einem meiner ersten Tagebücher …

… und begann an einer zufällig aufgeschlagenen Seite zu lesen. Und plötzlich entführte mich mein Geist in eine Welt, die fast genau 50 Jahre zurücklag: in meine späte Jugend. Was ich las verwandelte sich augenblicklich in Zeiten und Räume, mit denen ich völlig vertraut war und die mich mitnahmen in das Erleben des damals 17-Jährigen. Schon beim Lesen der ersten Sätze spürte ich, wie sich mein Gesicht, das vom Aufräumen bis dahin verkrampft und verkniffen war, wohlig entspannte. Meine Gesichtszüge wurden weicher und ich merkte, dass ich mich nach einem Mehr des Geschriebenen sehnte. Ich nahm die Worte geschmeidig und erwartungsfroh auf und genoss den sinnlichen Ausflug in die Welt meiner Adoleszenz. Ich empfand das, was ich las, als etwas, was ich gerade aus meiner kindlich-jugendlichen Sicht aufschrieb. Ich befand mich in einer Trance früheren Fühlens, Denkens und Erlebens. Und trotz des Zeitdrucks, den ich mir mit meiner „Mission Büroausmisten“ auferlegt hatte, wollte ich immer mehr lesen, nein: sinnlich wiedererleben. Denn ich hatte mich bereits nach Sekunden von der realen Welt abgetrennt und war geistig und körperlich ganz tief eingetaucht in die Geschehnisse meiner Reifezeit und meiner Verliebtheiten von damals.

Was seltsam war: Ich befand mich in einem Paralleluniversum, das mich mit ungeheurem Frieden und Sanftmut, mit tausend guten Gefühlen und Gedanken speiste. Jedes Wort, jeder Satz kam mir unendlich vertraut und wertvoll vor. Die Achtung gegenüber meinem jüngeren Ich nahm mit jedem neuen Inhalt, mit jeder neuen Situationsbeschreibung weiter zu. An einigen Stellen des Textes musste ich tief einatmen und innehalten – so faszinierend erschien mir das, was ich seinerzeit beschrieben hatte und was mich nun nach so langer Zeit wieder in seinen Bann zog. Der unerwartete Umstand, entrückt zu sein in die Welt der eigenen späten Pubertät schaffte in mir ein unendlich harmonisches Gefühl der Vertrautheit und der Gelassenheit. Und obwohl mein Verstand noch leise daran zweifelte, dass ich selbst dies alles einmal geschrieben haben könnte, wusste meine Seele ganz genau, dass nur mein jüngeres Ich Verfasser dieser Zeilen sein konnte. Ohne sie gesucht zu haben, stieß ich auf meine vergangene Zeit, eine Vergangenheit wechselnder Gefühle im verfließenden Jugendalter.

Was mich ein wenig befremdete war die Schrift, die ich wahrnahm: Eine kleine, regelmäßig nach rechts gerichtete, feingliedrige und gleichmäßige Schrift, die mir eher nicht in Erinnerung geblieben war. Sie kam mir unvertraut und exotisch vor, nicht zu mir gehörig, schon gar nicht vor 50 Jahren. Kann Handschrift sich derart verändern? Und dennoch passte sie angenehm und ausgewogen zu den Gedanken und Gefühlen, die in mir während des Lesens entstanden. Ja, ich beschrieb die Zeit der glücklichen und der bedrückenden, der endlos wachen und manchmal verzweifelten Momente des Verliebtseins, der jugendlichen Begierden und Enttäuschungen. Ein in Text gegossener Hormonmix, über den ich heute noch mit offenem Munde staune und ihn ob seiner Offenheit, Klarheit und Intimität bewundere.

Grafik: Wolfgang Schiele

Und dann war da mittendrin im geöffneten Bündel noch ein schwarzes Heftchen. Auf der Seite 1 prangte der Titel, in rot geschrieben: Gedichte. Mit einem Verbots- und Verfolgungsvermerk fürs Lesen durch Unbefugte. Hier muss ich ganz besondere Anstrengungen unternommen haben, um den Ausdruck des Schriftbildes noch zu steigern. In einer Art konzentrierter Schönschrift entdeckte ich 30 Gedichte aus meiner Jugendzeit wieder. Aber das ist eine ganz andere und neue kleine Geschichte, die ich besser in einem weiteren Beitrag „Die zweite (Alters-)Regression“ beschreiben möchte …

Als ich wieder an die Aufräumarbeit ging nahm ich mir vor, diesen wunderbaren Zustand des wohligen und seligen Entrücktseins so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Immer wieder versetzte ich mich in Gedanken in meine Tagebuchwelt zurück und erlebte so einige Schübe von Glückseligkeit, tiefer Genugtuung und grenzenloser Leidenschaft. Irgendwie kam ich mir wie Marcel Proust vor, der auf der Suche nach der verlorenen Zeit war und sie in seinem letzten Erzählband dann auch wiedergefunden hatte. Und es gelang mir, wie dereinst Proust in der Tat, immer wieder erneute Regressionen in meine Spätjugend, allein durch die bloße Phantasie, auszulösen. Da ich mich in der Vergangenheit intensiv mit luziden Träumen beschäftigt hatte, fiel es mir nicht sonderlich schwer, auch in der Nacht die angenehmen Emotionen des Tages immer wieder bewusst aufleben zu lassen. Was die Nacht zwar unruhig und weniger erholsam machte. Aber ich unternahm alles dafür, das frühere Erleben meines Alter Egos ausführlich nachzuempfinden und auszukosten.

Ich habe mir fest vorgenommen, die etwa 15 Tagebücher Stück für Stück nachzulesen. Um die verstrichene wichtige Zeit der Selbstfindung nicht nur zu würdigen, sondern sie mit allen Sinnen nachzuempfinden.

Vielen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

Ihr (Vor-)Ruhestandscoach und Resilienzlotse für Senioren
Wolfgang Schiele

© Wolfgang Schiele 2022 | Coaching50plus | https://www.coachingfiftyplus.de